Das Grauen mit Namen che.blogger.de

Es gehört so sehr zum guten Ton der Linken in Deutschland, von der Linken in Deutschland wenig bis nichts zu halten, wie es in der Punkerszene vom Bahnhofsvorplatz bis zum die Besucher mit Green Day und Foo Fighters beschallenden Club etabliert ist, sich selbst nicht als Punk zu bezeichnen. Beides hat eigentlich gute Gründe und ist dennoch strunzdumm, da es nur der Absicherung dient, sich ohne Bruch mit der eigenen Identität früher oder später aus seinem Milieu entfernen zu können, um sagen zu können, man sei sich selbst doch immer weitgehend treu geblieben (was auch stimmt: kaum ein Linker will die oft eingeforderte Revolution wirklich werden sehen, kaum ein Punk will es sich je ernsthaft mit seinem Kleinbürgernest verscherzen).

Nun gibt es dennoch Linke, die links bleiben. Die bloggen manchmal und zeigen der Welt, warum man kein Linker sein wollen kann. Wenn zum Beispiel ein Flugzeug vollgepackt mit der herrschenden Klasse eines osteuropäischen Landes abstürzt, empfinden sie „[e]infach nur totales Entsetzen, jenseits des weiter Kommentierbaren“, denn so erleidet die Aufarbeitung der „stalinistischen Verbrechen“ einen herben Rückschlag, ein „Ereignis“, „so epochal wie Brandts Kniefall in Warschau“ findet erstmal nicht statt. Was für eine bemerkenswerte Reaktion! Statt den Ausgebeuteten und Beherrschten in Polen zu wünschen, dass die Passagiere des fulminant beendeten Fluges niemals ersetzt werden, bedauert man den ziemlich irrelevanten Tod einiger Arschlöcher, wohl vor allem, weil der Sozialismus nun nicht noch ein bißchen tiefer begraben werden kann unter kapitalistischem Dreck. Aber was soll man schon erwarten von jemandem, der besagten Kniefall spitze fand, der an Idiotie kaum zu überbieten war, denn was hatte Brandt eigentlich am Hut mit den Nationalsozialisten, dass er sich für ihre Untaten hätte entschuldigen können, außer einer Liebe zum Deutschtum freilich und einer grundsätzlichen Gegnerschaft zu real existierenden Versuchen, eine Gesellschaft aufzubauen jenseits von Ausbeutung?

Konsequent küren solche Linken dann auch eine „Bloggerin des Monats“, weil diese einen Stuß daherschreibt, der soviel Wahrheitsgehalt hat wie etwa eine Kirchenpredigt oder eine Führerrede, so dass es Kommunisten ganz anders wird angesichts einer derartigen Menge an Lügen und Dummheiten. Die Chose geht so: Man nehme Marx in Schutz vor Lenin und Stalin, damit bloß niemand je wieder auf die Idee kommt, Marxismus könnte mit etwas anderem zu tun haben als mit ungelesenen Büchern und dämlichen Blogs. Revolution? Egal, solange der gealterte Linke noch „von einigen flotten Studentinnen angebaggert, angebalzt und angeflirtet“ wird, während er sich wohlig daran zurückerinnert, „Fleisch in der veganen Volxküche“ aufgetischt zu haben!

Der Horror geht weiter. So erzählt eine Bande jugendlicher Anarcho-Knalltüten unter dem eiskalt gelogenen Titel „wir denken“:

wir wollen durch bildung, informationen und kulturelle intervention einen analytischen raum für begegnungen schaffen. die analyse ist herbei ein zusammentreffen verschiedener perspektiven im dialog. der diskurs schärft den blick. die diskussion emanzipiert von dogmen.

Es braucht wenig Mühe, um zu verstehen, was das zu bedeuten hat: „Wir sind doof und stolz darauf!“ Undogmatisch sein heißt nichts anderes als nicht wissen zu wollen, verliebt in Diskurse sind die, die sich nichts genau ansehen wollen, Dialog heißt Gelaber, Analyse als Zusammentreffen heißt jede Analyse tunlichst zu vermeiden, kulturelle Intervention heißt häßliche Aufkleber malen und Schönheit hassen und so weiter. So wird Eyjafjallajökull ausgerechnet dafür geschätzt, weil „er_sie“ für die „stillstehende Wirtschaft“ verantwortlich ist. 2010, und die Maschinenstürmer im Bunde mit der Natur gibt es immernoch.

Nun genug mit dem realen Horror, zur Entspannung und Erbauung hin zum fiktionalen Horror. Den hervorragenden Film „Night Of The Living Dead“, in dem es nach Aussage George A. Romeros tatsächlich um Revolution ging, kennt sicher nahezu jeder oder lädt ihn sich mal eben runter. Bei youtube findet sich nun ein Track, der, unterlegt mit Bildschnipseln, aus nichts anderem besteht als aus Originaltönen des Films und die vom Klassiker des Zombiefilms erzeugte Atmosphäre erstaunlich gut transportiert. Eventuell könnte das Cut-Up oder ähnlichem postmodernen Bösen gleichen, Vorsicht ist also geboten!


5 Antworten auf „Das Grauen mit Namen che.blogger.de“


  1. 1 butch jonny 19. April 2010 um 23:03 Uhr

    kommunismus bist du unentspannt! und mit der ‚wahrheit‘ bist du per DU. wahnsinn. werd‘ ich mehr links und weiß‘ dann, was läuft, wenn ich dich lese :lol:

    [ironie aus]

  2. 2 Stanislaw Hirschfeld 19. April 2010 um 23:27 Uhr

    Natürlich bin ich nicht entspannt. Mir liegt nichts daran, vor allem nicht in Zeiten der Barbarei, den Wach- dem Schlafzustand anzugleichen, auch das unterscheidet mich von Anarcho-Schnarchnasen wie dir. Lieber sitze ich parlierend mit Freundin Wahrheit im Salon und duze sie keck. Sie lächelt und erzählt mir einen köstlichen Anarchistenwitz.

    PS: Irony is for suckers.

  3. 3 Stalins Schäferhund 20. April 2010 um 15:38 Uhr

    Da muss dann ja an der Demokratie etwas faul sein, und wir sollten anfangen, in der UN-Erklärung der Menschenrechte nachzulesen, wo da die Leerstelle ist und uns zu überlegen, wie es so schnell von Kant zu Atatürk, von Rousseau zu Ahmadinedschad, von Aristoteles zu Mugabe und von George Washington zu Alfredo Stroessner kommen konnte.

    Vllt. sollte man das mal. Statt alten Philosophen und fernen Ländern, könnte man sich natürlich auch mal das hier und jetzt anschauen, aber wär zumindest mal n Anfang.

  4. 4 Stanislaw Hirschfeld 22. April 2010 um 2:56 Uhr

    Es kömmt mir dann aber doch eher auf die verändernde Tätigkeit denn auf geduldige Beobachtungen an. Nach einer gewissen Anzahl vergangener Jahrzehnte ist es nämlich etwas unbefriedigend, stets erneut anzufangen. Auf Fließbändern kommt man eben schlecht voran.

  5. 5 LW 24. April 2010 um 14:55 Uhr

    „Die endgültige Spaltung Blogsports – das ist unser Auftrag.“

    (Verona Pooth)

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