Gefangen in der Hölle des Subjektiven

Vechta – eine verhinderte Weltmetropole, die ausser Rolf Dieter Brinkmann nichts von Bedeutung hervorgebracht hat, gibt es auch auf links und nennt sich in dieser Form folgerichtig „Linkes Vechta“ („Nicht die Linkspartei ;)“). Man ist selbstverständlich „emanzipatorisch, antiautoritär, antirassistisch, antifaschistisch, antisexistisch, anti-antisemitisch, nicht-kommerziell“ und, wie könnte es anders sein, obendrein noch antilookistisch:

„Gutes Aussehen“ ist ein Marktwert innerhalb der konkurrierenden, kapitalistischen Gesellschaft, und der positive Bezug auf „Schönheit“ führt gleichzeitig zur Diskriminierung von anderen, die von dieser konstruierten körperlichen Norm abweichen.

Auch wenn die kapitalistische Gesellschaft mit nichts mehr konkurriert, weil es keine von ihr unterschiedliche mehr gibt, verblüfft doch, was den Antis speziell an Schönheit auffällt: Es lässt sich Geld mit ihr machen. So wie mit Bananen, Giftgas, Schulden, Blogs, Musik, Crack und allem anderen, das es gibt. Offensichtlich ist das Problem der Antis also Schönheit selbst. Wie kann man etwas an Schönheit auszusetzen haben, wenn man nicht gerade ein abgrundtief hässlicher Psychopath ist, der von Rachegelüsten getrieben wird (vgl. unzählige Horrorfilme), fragt sich der Freund des Schönen. Da erinnert er sich, bei Hegel (wo sonst?) etwas gelesen zu haben, das das Rätsel lösen kann. Ihm zufolge ist „das Gebiet des Schönen der Relativität endlicher Verhältnisse entrissen und in das absolute Reich der Idee und ihrer Wahrheit emporgetragen“ (Vorlesungen über die Ästhetik). Das muss den Zorn derer erregen, denen „subjektive Betrachtung“ (ebd.) alles ist, die demzufolge nichts Objektives kennen und für möglich halten. Schönheit und Wahrheit halten sie für subjektiv, sofern sie sie nicht grundsätzlich leugnen. Anmaßend finden sie es, wenn jemand „weiß, was die ‚Wahrheit‘“ ist oder sich zumindest für sie interessiert. Das ganze Ziel ihrer Existenz besteht darin, bloß undogmatisch zu meinen; so können sie natürlich weder etwas lernen noch sich ernsthaft bilden (das hielten sie ohnehin für „deutschernst“), denn sie „entstehen immer wieder neu“ und sind daher auf ewig dazu verdammt, immer wieder vergessen zu müssen (vgl. „Memento“). Auch hier denkt man unweigerlich an die klassischen wandelnden Leichen, die nichts mehr wissen und nichts mehr wollen als Gehirne zu fressen. Jedoch sind die, wie sich nach und nach zeigte (zuletzt in „Survival Of The Dead“), erstaunlich lernfähig und daher Anarchos, Antis und all den anderen in ihrer subjektiven Hölle Gefangenen um Längen voraus.


Survival of the Dead Teaser Trailer

George A. Romero’s Survival of the Dead | MySpace Video

Nachtrag zu „Memento“:

Was für ein grundlegend verkehrtes Leben das ist, wenn man ständig „immer wieder neu“ wie aus dem Nichts auftauchen muss, zeigt „Memento“ und stellt dadurch einen wertvollen Beitrag dar im Kampf gegen die postmoderne Beliebigkeit; keinesfalls jedoch ist dieser Film ein „postmoderner Mythos“, wie Andreas Busche in der taz fälschlich behauptete. Schließlich zeigen Shelbys Tätowierungen eben nicht „Fakten und Erinnerungsfragmente“, sondern ungeordnete, weitgehend zufällige, unwahre Schnipsel, die sich von geordnetem Wissen also maßgeblich unterscheiden, die, weil Shelby an sie glaubt und sich nach ihnen richtet, tödliche Irrtümer ermöglichen. Das Fazit ist somit offensichtlich: Wer nichts Objektives mehr erkennen kann, der wird am Ende noch das Schlimmste tun, sogar ohne das selbst zu merken. Wo alles subjektiv ist, regiert objektiv der Wahnsinn.


8 Antworten auf „Gefangen in der Hölle des Subjektiven“


  1. 1 MAB 20. April 2010 um 17:02 Uhr

    Meinst du nicht, dass die Suche nach Wahrheit und das „haben“ von Wahrheit etwas völlig unterschiedliches ist? Auf einer sich drehenden Erdkugel ist vollendete Erkenntnis wohl kaum möglich – außer nach dem Ableben vielleicht. Soviel zum Thema Leichen und des Umherwandlung.

    In unserer Selbstdarstellung heißt es: „Eine dystopische sicht lehnen wir ab.“ Ich kann diese Anti-Haltung die uns (und anderen) vorgeworfen wird, also nicht nachvollziehen – wenngleich auch bei uns oft die o.g. linksradikalen Platitüten vorkommen.

    In unserer Selbstdarstellung müsste es weiterhin heißen: „Wir setzen uns gegen die um sich greifende meinungsstarke Kenntnisschwäche ein.“ Leider wurde das da wohl vergessen. Ich halte Wissen und Erkenntnisse (logischerweise) für wichtig, Objektivität hat aber stets die Neigung zur Hybris.

    Gerne kannst du / könnt ihr (frei nach Dennis Scheck) auf die Jagd nach dem Schönen, Wahren und Guten gehen. Wenn ich mal Lust auf einen Spaziergang hab, komm ich auch gerne mit.

    Jedenfalls bedanke ich mich für die Aufmerksamkeit.

  2. 2 tee 20. April 2010 um 18:29 Uhr

    „grundlegend verkehrtes Leben“

    LOL

  3. 3 MAB 20. April 2010 um 19:16 Uhr

    Beliebig sind deine Interpretationen! Schon in den ersten Zeilen unserer Selbstdarstellung machen wir unseren Wunsch klar, ordnen und „den Blick schärfen“ wollen, aber mit dem Wissen, dass eine totale Ordnung ein unmögliches Hirngespinst ist.

    Du solltest vielleicht den kürzlich bei uns erschienenen Beitrag zum Thema Klandestinität lesen. Das erhellt den Gedanken des „immer wieder neu entstehens“ sicherlich.

    Deine inhaltsleeren und beliebigen Beleidigungen finden hoffentlich bald ein Ende.

  4. 4 Stanislaw Hirschfeld 20. April 2010 um 19:25 Uhr

    Hey, ich ermögliche doch nur das „zusammentreffen verschiedener perspektiven im dialog“!

    Und ich verbitte mir solche stalino-faschistischen Niederträchtigkeiten:

    „Deine inhaltsleeren und beliebigen Beleidigungen finden hoffentlich bald ein Ende.“

    Schließlich blogge ich nur und bereichere dadurch das Web 2.0 um meine „autonom und in bewegung“ entstandenen „alternativen und ihre kritik“!

    Peace.

  5. 5 MAB 20. April 2010 um 20:24 Uhr

    Warum legst du uns dann den Satz „Wir sind doof und stolz darauf!“ in den Mund und erklärst uns zu zombieartigen Untoten? Das kommt mir niederträchtig vor.

    Letztlich ist das hier hier ein Scheingefecht (ohne konkreten Gegenstand, daher inhaltsleer), das bei Wikipedia längst verschriftlich ist – übrigens recht objektiv sogar.

  6. 6 Stanislaw Hirschfeld 20. April 2010 um 20:31 Uhr

    @ MAB: Wenn du nicht weisst, worum es geht, solltest du das ändern. Vielleicht steht es ja bei Wikipedia, bei dem was auch immer verschriftlicht ist.

    Und jetzt ist wieder Schluss mit dem Unsinn.

  7. 7 the bastian 21. April 2010 um 8:26 Uhr

    mab, du musst zugeben, dass der post hier, der euch so quer sitzt, sehr für die analytischen fähigkeiten des autors spricht. ich habe einige zeit länger für die erkenntnis gebraucht als stanislaw, der das beim überfliegen eures „wir denken“ ziemlich genau auf den punkt bringt.

    ich würde dich mal aus der analyse ausklammern, was du so schreibst ist nicht bloß blinder beissreflex gepaart mit diffusem hass (ick würd gern mal mit dir analog diskutieren)… aber der rest? unzählige artikel, die sich bemühen, noch 5 fremdwörter reinzupressen… eigentlich fruchtbare diskussionen (wie die zum gender_innen) aber noch viele mehr werden bspw. von machnow mit den worten „versteh ich nicht!“ und einer wahllos zusammengewürfelten ansammlung von kampfphrasen abgebrochen… wenn man das ne weile mitliest, kommt man halt zu dem schluss, den stanislaw ziemlich schnell gezogen hat…

  1. 1 Es (je)menschelt gewaltig « Lyzis‘ Welt Pingback am 01. Mai 2010 um 18:30 Uhr
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