Archiv für Juli 2010

Positive Überraschung: Anarchisten sind manchmal doch noch nicht ganz hirntot – Danke, DDR!

Von anarchistischen Terroristen halte ich nichts. Meine Ablehnung ihrer Theorien als auch der daraus resultierenden Praxis ist wohlbegründet. Umso überraschter war ich, als ich zufällig auf einen Anfang des Jahres von Inge Viett gehaltenen Vortrag stieß, den man einer deutschen Linken, die dumm genug war, sich sowohl der Bewegung 2. Juni als auch der RAF anzuschließen und dementsprechend dumm zu handeln, ob seiner Qualität und Klarsicht nun wirklich nicht zutrauen würde. Die acht Jahre, die sie in der DDR verbringen durfte, haben ihr offensichtlich sehr gut getan1. Doch lesen Sie selbst.

„Ich bin 1982 in die DDR emigriert und habe also die letzten acht Jahre da gelebt. In der BRD wurde ich als Mitglied der bewaffneten Organisationen Bewegung 2.Juni und RAF seit Jahren gesucht.

Durch meine Sozialisierung und meine politische Praxis im Westen hatte ich natürlich einen anderen Blick auf die beiden Systeme als die Mehrheit der DDR-Bürgerinnen und -Bürger. Darüber hinaus haben die besonderen Umstände meiner Übersiedlung als illegale Westdeutsche und international gesuchte Person mich von vornherein mit dem staatlichen Sicherheitsapparat in Beziehung gesetzt.

Meine Haltung zu den staatlichen Diensten der jeweiligen Gesellschaftssysteme ist keine moralische, sondern eine von Gegnerschaft oder Nichtgegnerschaft. Die DDR-Staatssicherheit hat nach meinem Verständnis von gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen eine grundsätzlich legitime und notwendige Rolle gehabt. Nur aus dieser Haltung heraus kann ich sie kritisieren, da, wo ihre Arbeit kritikwürdig war. Diese Kritik ist nicht bedeutsamer oder, wie man will, genauso bedeutsam, wie meine Kritik an den Schwächen und Fehlern aller linken Kräfte, einschließlich meiner eigenen. Die Rolle der Staatssicherheit in der DDR ist heute vollkommen überhöht und diabolisiert. Ihre Arbeit gegen den sogenannten inneren Feind war weit von flächendeckender Überwachung entfernt. Nicht zu vergleichen mit den subtilen und umfassenden Überwachungs-, Kontroll- und Foltersystemen kapitalistischer Demokratien und Diktaturen.“
Weiter…2

IngeViett

  1. Man meint mitunter beinahe, die Worte einer gelehrigen Schülerin Hacks‘ zu lesen, wenn sie über die widerstreitenden Interessen der dem Sozialismus eigenen Klassen spricht. Ausführlich dazu äußerte sich der sozialistische Absolutist Felix Bartels in einem in junge Welt gedruckten Artikel. [zurück]
  2. Im Folgenden irrt Viett immer wieder, allerdings auf einem Niveau, von dem der durchschnittliche linksdeutsche Untote nicht einmal was ahnt. Wenn sie etwa schreibt, die sozialistischen Errungenschaften hätten „sich entwickelt trotz einer autoritären Staats- und Parteiführung“, so ist das natürlich verkehrt. Sie wurden gerade wegen der autoritären Staats- und Parteiführung erreicht! Einige Sätze zuvor weiß sie das sogar selbst noch. [zurück]

Leere um Hacks

„Schuld ist niemand an irgendetwas; jeder ist sich selbst das Nichts. Lebt und schreibt man in einer Gesellschaft, die sich so sieht, gibt es eigentlich kaum etwas zu sagen.“ (Dietmar Dath)

“ Oh we‘re so pretty / Oh so pretty / We‘re vacant“ (Sex Pistols)

„Aber wie das Erhabene von Dämmerung und Nacht, wo sich die Gestalten vereinigen, gar leicht erzeugt wird, so wird es dagegen vom Tage verscheucht, der alles sondert und trennt, und so muss es auch durch jede wachsende Bildung vernichtet werden, wenn es nicht glücklich genug ist, sich zu dem Schönen zu flüchten und sich innig mit ihm zu vereinigen, wodurch denn beide gleich unsterblich und unverwüstlich sind.“ (Goethe)

Persönlichkeit ist zu erlangen. Dazu braucht es Wille und Anstrengung. Mit der Bildung der eigenen Persönlichkeit betätigt sich der wirkliche Mensch als vernünftiger freier. Sein Ziel ist Vollkommenheit. Dazu braucht es den Sozialismus und den Kommunismus. Hacks etwa, unbestreitbar ein Genie, war nicht vollkommen, sondern auf höherem Niveau unvollkommen als es ihm ohne DDR möglich gewesen wäre. Die recht häufig behandelte Frage, was er ohne sie gewesen wäre, ist die uninteressantere, weil nach hinten blickende. Die spannende geht so: Was wäre der große Hacks im Kommunismus geworden? Sie ist derzeit nicht beantwortbar.

Es stehen dafür andere, langweilige Fragen an, die mit Leichtigkeit geklärt werden können. Wer beispielsweise Persönlichkeit verneint, wird an Hacks keine Freude haben können, das darf als sicher gelten. Da Hacks tot ist und er am Gewinn, den der Verkauf seiner Werke liefert, nicht profitieren kann, ist das ziemlich egal. Nicht egal ist es jedoch, wenn die Unansprechbaren, die „Persönlichkeitspflege“ ablehnen, weil sie über nichts verfügen, das gepflegt werden könnte, sich daran machen, der Welt, also den anderen Bekloppten, Hacks zu erklären. Ihre Mittel sind beschränkt und heißen Kritik. Da sie nichts merken, wenn sie sich die Finger verbrennen, plappern sie unbeirrt und ungesittet weiter. Ein guter und geduldiger Dompteur – wir denken an dieser Stelle an Ulbricht und Stalin –, wäre hilfreich, ist im Moment aber leider nicht verfügbar. Notgedrungen beschränken wir uns auf Zwischenrufe.

„In seinen polemischen Verslein, die ein hohes Maß an Reimschmiedekunst bezeugen, geriert sich Hacks ein bisschen als ein Stefan George von links, freilich unter Verzicht auf eine devote Jüngerschar, die zur Anbetung des Meisters bereit wäre, denn einen ehrfürchtigen Dichterkreis wird Hacks für seinen ästhetischen wie politischen Extremismus nicht mehr finden können. Was er in seinen leichthändigen Heinrich-Heine-Liedern und Volksliedstrophen an politischen Überzeugungen ausbreitet, wird man nur als Resultat einer selbst gewählten Verblendung wahrnehmen können. Und dennoch ist sein provozierender sozialistischer Eskapismus nicht ohne Reiz.“

Der leichthändige Kunstschmied provoziert also polemisch mit linken Stefan-George-Liedern für reizvolle Eskapisten, die, zwar devot und extremistisch, aber nicht existent, sozialistische Verslein dichten. So sieht es aus, wenn geistige Fliegengewichte sich einen Bruch heben. Klassik, besonders die sozialistische, ist nunmal schwere Kost, auch wenn sie beflügelnd wirken kann, wo sie auf ein ihr angemessenes Publikum trifft. Michael Braun [„Nomen atque omen“; Plautus], der den zitierten Blödsinn bereits vor zehn Jahren vom Freitag drucken ließ, also davon ausgehen musste, den Klassiker zum Lesen seiner Idiotien zu nötigen, gehört nicht dazu; Wiglaf Droste, der bis heute über bzw. gegen Hacks‘ Bedeutung schwätzt, übrigens auch nicht.

DSS

Gedenkstätte der Sozialisten

Mit Ulbrichts Abschuß war wieder einmal
Ein freies Deutschland verloren.
Er endete nicht im Landwehrkanal.
Der lag in den Westsektoren.

Der Mörder war wieder die SPD.
Der Brandt war Ulbrichts Noske.
Breshnew will Frieden an der Spree,
Meldeten die Kioske.

Zieh mollig an dein kleines Kind,
Es bläst ein Sturm, ein kalter.
Der rote Winterspaziergang beginnt
Zu Karl und Rosa und Walter.

(Peter Hacks)

Nächtlicher Nachtrag:

Man kann sich aussuchen, wessen Tätigkeit man mit zugeneigter Aufmerksamkeit betrachtet. Dessen wohlwollendes Interesse an den eigenen Aktivitäten läßt sich nicht erzwingen. Das Prinzip des Tausches ist hier außer Kraft gesetzt. André Thieles Verlag im Allgemeinen sowie das Fachjournal ARGOS erfreuen mich in schöner Regelmäßigkeit. Ich nehme sogar in Kauf, für Ingo Ways Texte Geld zu zahlen. An meiner Gewogenheit kann also kein Zweifel bestehen. Daher ist es nicht gerade schmerzhaft, aber doch lästig, aufgrund eines Satzes in einem Sack gesehen zu werden, in dem ich mich nicht befinde. Es geht hier, ich geb’s offen zu, gewissermaßen um die romantische Ehre. Der Anstoß erregende Satz war anscheinend dieser, der sich in seinem ganzen Zusammenhang oben befindet:

„Die recht häufig behandelte Frage, was er ohne sie gewesen wäre, ist die uninteressantere, weil nach hinten blickende.“

Weiter hieß es:

„Die spannende geht so: Was wäre der große Hacks im Kommunismus geworden?“

Was nun dazu führte, mich als einen selbstgefälligen linken postpostmodernistischen Quatscher der an Peter Hacks interessierten Öffentlichkeit vorzustellen, kann ich nicht sagen, denn mir wurde es nicht mitgeteilt. An dem Mißgunst erregenden Satz halte ich fest, zu seiner Unterstützung schicke ich ihm nun ein paar andere zur Hilfe.

Nach hinten zu blicken sei niemandem untersagt, nicht zuletzt ich selbst würde unter solch einem Verbot leiden. Die Betrachtung der Vergangenheit ermöglicht das Lernen, insofern bin ich ihr recht herzlich dankbar; das Zukünftige bietet nichts außer der Sicherheit, daß es anders sein kann, wenn das Gegenwärtige schlecht ist, oder daß es so sein kann wie das Gegenwärtige ist, wenn dieses mal gut sein sollte. Und dennoch ist die Frage, was Peter Hacks ohne die DDR gewesen wäre, die weniger spannende, wenn man sie vergleicht mit der Frage, was ein Genie im Kommunismus wohl erreichen wird können. Mit Hacks setzt man sich auseinander, weil er im Sozialismus großartige Werke produziert hat. Ihn gedanklich nach hinten zu versetzen, also in eine rückschrittliche, kapitalistische BRD, nicht ihn meinetwegen im Mittelalter anzusiedeln, ist ein Gedankenspiel, das zu keinem erquicklichen Ergebnis führt: Hacks wäre ohne die in der DDR gewonnenen Erfahrungen jedenfalls nicht der Hacks geworden, den man heute schätzt – was auch immer man als die conditio sine qua non seines Heranwachsens zum Klassiker annimmt. Da scheint mir doch mehr Suspense zu versprechen, sich zu überlegen, was ein genialer Künstler zu schaffen imstande sein wird, wenn die von Menschen geschaffenen Verhältnisse bestmögliche Bedingungen für die Selbstentfaltung eines mit außerordentlichen Talenten gesegneten Menschen bieten. Der Blick nach vorne läßt Vorfreude entstehen. Mir sagt das zu. Aber bitte, das ist nur meine private, unerhebliche Ansicht. Ich dränge sie nun niemandem mehr auf, versprochen.

Nachtrag bei Tageslicht:

Nina Ruge hat recht. Alles wird gut.

Solcher und solcher Wahnsinn

„Die ideale Subjektivität trägt als lebendiges Subjekt die Bestimmung in sich, zu handeln, sich überhaupt zu bewegen und zu betätigen, insofern sie, was in ihr ist, auszuführen und zu vollbringen hat. Dazu bedarf sie einer umgebenden Welt als allgemeinen Bodens für ihre Realisationen.“ (G.W.F. Hegel)

Warum gelten die Vernünftigen und Empfindenden gemeinhin als wahnsinnig? Weil die, die sich ihrer Verstandes- und Gefühlsfähigkeiten dauerhaft entledigt haben, die Vernunft und die wirklich Emotion nicht begreifen können. So fährt man in unvernünftigen Zeiten (das sind die, in denen es vornehmlich um G-W-G‘ geht) anscheinend ganz gut, jedenfalls ist dieser so selbstgewählte wie -verschuldete Irrsinn zu häufig anzutreffen, um rein zufallsbedingt zu sein. Sobald eine Zeitenwende eintritt, die dem Irrsinn schmeichelnden Bedingungen also gewandelt werden in menschenfreundlichere, haben die Kommunisten das Pack erstmal weiterhin am Hals. Dann wird man denen, die man nicht ohnehin abknallt, ein paar Fleischbrocken hinwerfen müssen, um ihr geistloses Verhalten in dem Sozialismus zuträgliche Bahnen zu lenken und vor allem dort zu halten. Sie sind einfach derart in der Überzahl, daß man sich ihrer nicht sofort wird entledigen können. Daher wird man sie sich zu Nutze machen. Mit dem Verschwinden der genannten Bedingungen, die das massenhafte Auftreten der Zombies überhaupt erst ermöglichten, wird ihre Zahl abnehmen, stattdessen wird die Erde zur Abwechslung mal wieder von Menschen bevölkert werden. Wir sprechen hier von keiner Sache, die sich kurzerhand umsetzen ließe. Rom wurde nicht an einem Tag er-, und der Sozialismus nicht einmal innerhalb einer Woche aufgebaut. Der Begriff Zombie ist übrigens keiner, der sich auf jeden anwenden ließe, dem man auf der Straße begegnen kann, ohne dabei einen Kommunisten zu treffen, der einer ist, nicht bloß in seinem Selbstunverständnis. Lebendige Menschen gibt es viele, wenn auch zu wenige, um von lebendiger Gesellschaft reden zu können. Sie erfreuen sich an planvoller Gartenkultur, erkennen Arbeit nicht nur als von Not oder volksgemeinschaftlicher Raserei geschaffenem Zwang, sondern als schöpferische Tätigkeit, mit der sich manches zum Besseren ändern läßt. Sie kochen gerne und gut und pflegen Beziehungen zu anderen Lebendigen, die eben nicht auf Tausch oder Raub basieren. Für den Sozialismus sind sie leicht zu gewinnen, weil sie denken und fühlen, daher nicht alles als kritikabel einebnen, sondern Vorteilhaftes von Nachteiligem unterscheiden können. Auch des Leidens sind sie fähig, das zeichnet sie nicht zuletzt aus als Wesen und unterscheidet sie maßgeblich von realitätsfeindlichen Kreaturen. Die Kreaturen wiederum treten in die SPD ein und dann wieder aus, um etwa Theorie mit Praxis zu verwechseln und mit ihrer inneren Ödnis und Trostlosigkeit zu belästigen. Krank können solche nicht werden, da ist ja nichts, das erkranken kann. Denen gegenüber, die das können, wollen sie neidisch die Rolle eines Arztes einnehmen, nichts macht sie wütender als den Anblick gelebten Lebens ertragen zu müssen. Was wird der Sozialismus sie ärgern!

Venus von Milo

Venus und Stalin

Sie, ihre Füße badend, trägt kein Kleid,
Das zu durchnässen sie vermeiden müßte.
Sie zeigt dem All in Sommerheiterkeit
Den Hintern und die weltberühmten Brüste.

Er, nebst noch einer Schreibkraft, prüft, erwägt,
Am Saum des Quellbachs hingestreckt, Berichte.
Damit sie Zephir nicht von dannen trägt,
Benutzt er Kieselsteine als Gewichte.

Gelegentlich läßt er das Auge ruhn,
Das väterliche, auf den prallen Lenden
Der Göttin, die versunken in ihr Tun,
Ein Bein gewinkelt hebt mit beiden Händen.

Ein milder Glanz geht, eine stille Pracht
Unwiderstehlich aus von diesem Paar.
Die Liebe und die Sowjetmacht
Sind nur mitsammen darstellbar.

(Peter Hacks)

Stalin

Zu Romeros Kunst

„Die größten Monster sind doch sowieso unsere Nachbarn, der schlimmste Horror befindet sich immer direkt nebenan. Die Zombies lernen, sie imitieren die Menschen, was wiederum die Frage aufwirft, ob sich die Menschen wie Zombies benehmen.“ (George A. Romero)

Trotz des Kultstatus, der George A. Romeros Zombie-Filmen zugesprochen wird, und der breiten Rezeption, die ihnen zuteil wird, werden sie nicht verstanden. Sie werden als „sozialkritisch“ verharmlost, um die treffende, unromantische Darstellung des Elends der den Friedhof des Spätkapitalismus Füllenden erträglich wirken zu lassen. Untote wollen sich nicht selbst erkennen, die Zombies im Film erscheinen ihnen nicht als künstlerische Weise, sie selbst zu zeigen in ihrer ganzen Leblosigkeit, sondern als Gefahr. Die Bedrohung, die sie selber sind, projizieren sie auf die auferstandenen Bestien, statt zu begreifen, daß sie in einen Spiegel blicken. Gerade diese Fehlwahrnehmung ist Bedingung für den Erfolg der Filme Romeros. Indem der fiktionale Horror genossen wird als Fremdes, erscheint der reale Horror als akzeptabel – dementsprechend verkleiden sich lebende Tote anläßlich der „zombie walks“ als lebende Tote. Dabei ist offensichtlich, was Romero, beginnend mit „Night Of The Living Dead“ bis zu „Survival Of The Dead“, vorführt: Seine Zombies entwickeln sich von Film zu Film weiter, sie lernen dazu, werden klüger und feinfühliger, während die Menschen in der Wirklichkeit immer blöder, gefühlloser und asozialer werden – ein Spiegel bildet die Realität schließlich seitenverkehrt ab. Der Verfall der Menschheit im Kapitalismus wird folgerichtig umgekehrt aufgeführt, anfangend mit seinem zwangsläufigen Endpunkt, sollte der Sozialismus nicht wieder die Bedingungen menschlicher Gesellschaft herstellen. Man kann daher Romeros ersten Film als Warnung begreifen vor dem, was bevorsteht, wenn die Restauration antikommunistischer Verhältnisse gänzlich Erfolg haben wird: Wanken, Töten, Fressen, ohne jede Emotion und ohne jede Vernunft – Gesellschaft als dauerhaftes Pogrom. Das wäre allerdings kein Rückfall in vorgesellschaftliche, tierische Zeiten, sondern die Vollendung von Menschen geschaffener Zustände, die ihren Zenit längst schon überschritten haben. Je verfaulter die Gesellschaft, desto verrotteter die Menschen, die sie bilden. Wir wollen diesen Text jedoch nicht negativ beenden, denn es gibt keinen Grund dafür. Denn je verfaulter die alte Gesellschaft, desto besser sind die Aussichten für die neue, den Sozialismus, der die Bedingungen für Kommunismus bereit stellt. Wir leben in einer revolutionären Epoche, vorübergehende Rückschläge sind unvermeidbar. Der Fortschritt geht seinen Weg, auch wenn dieser nicht schnurgerade1 verläuft. Kein Anlaß also, in apokalyptisches Geflenne zu verfallen, das bleibt den Kritischen Theoretikern wie Robert Kurz überlassen.

madness

  1. Lenin schrieb dazu Erhellendes u.a. in „Notizen eines Publizisten“.[zurück]

Schernikau! Schlager! Rosenberg!

Ronald M. Schernikau, der derzeit vermutlich deswegen so beliebt ist, weil er längst begraben wurde, hat einiges gemeinsam mit Peter Hacks. Beide waren herausragende Schriftsteller, beide gingen vernünftigerweise in die DDR, beide schrieben Schlagertexte, Hacks für Lale Andersen, Schernikau für Marianne Rosenberg. Für Freunde des miserablen Schauspielers und Ex-Alzheimerpatienten Ronald „Star Wars“ Reagan ist der Song „Amerika“ nicht geeignet, für antideutsche Imperialismusbegeisterte leider auch nicht. Die an Schernikaus Œuvre Interessierten dürften hiermit eine ihnen womöglich bisher unbekannte Seite des Genies entdecken. Wie auch immer, Bühne frei, believe the hype!

Marianne Rosenberg – Amerika (MP3)
Marianne Rosenberg – Amerika (Text)

spiegelbilder cover

Unmotiviert Zusammengeschustertes

Der Trotzkist Bold höhnte die Tage mit Unterstützung des hier ebenfalls schon erwähnten Mülltonnenbewohners tee, LW und mich meinend:

„Stalinisten auf die Gewalt des Wortes zurückgeworfen. Fast schon niedlich.“

Im Gegensatz zu den höchstens rudimentär alphabetisierten Antikommunisten verfügen wir tatsächlich über die Gewalt des Wortes, auch wenn die Feder/Tastatur nicht unbedingt mächtiger ist als das Schwert/Dauerfeuer der Stalinorgeln. Und demnächst kommt dieses sowieso zurück, noch schöner, besser, wahrer als beim letzten Mal, keine Sorge. Was es allerdings bedeutet, wenn Kommunisten nicht über die Staatsmacht verfügen, ist keineswegs niedlich, sondern brutal ohne Ende. Man kann das hier und dort nachlesen. Ist natürlich um Längen besser als der massenmörderische Stalinismus, schon klar, der war ja auch voll menschenverachtend und so.

Weiter in der kleinen Presseschau. Die aktuelle Astrowoche titelt: „Was wir jetzt tun müssen!“ Geil, jetzt ist der olle Lenin („Was tun?“) wirklich überflüssig und erledigt!

Mal was Positives zwischendrin: Nächsten Monat erscheint endlich [REC]² im Land der verkehrtes deutsch sprechenden Real-Zombies. Katholizismus und Menschenfresser bilden eines der Traumpaare des gepflegten Horrorkinos, ich bin daher mehr als gespannt auf die Fortsetzung von [REC], der mir bereits jetzt ein Klassiker des Genres zu sein scheint.

Zu schlechter Letzt: Der zuverlässig hirnverbrannte Stern entdeckt eine „Discounter-Revolution“, weil grad einer der Aldi-Brüder verreckt ist, von denen nun nur noch einer bei der tatsächlichen Revolution dran glauben wird müssen. Den könnte man dann eigentlich in einem verkehrt beschrifteten Karton verscharren.

rec

Fernsehen etc.

„Vermutlich macht das Fernsehen [die Menschen] nochmals zu dem, was sie ohnehin sind, nur noch mehr so, als sie es ohnehin sind.“ (Theodor W. Adorno, Dschungeltierarzt, weil Daktari-Fan)

Die Weltvernunft hält sich versteckt und schmollt. Das ist ihr gutes Recht, schließlich wurde sie aufs Gröbste beleidigt. Wir nennen Namen: Trotzki, der späte Brecht, Gorbatschow, Mario Barth, Horst Köhler, usw. Aufgrund ihrer Abwesenheit (wir sprechen noch von der Weltvernunft, nicht den Bekloppten) ist all das erlaubt, was verboten und bestraft1 gehört (Gorbatschow, Mario Barth, Horst Köhler, die Blogsport-Meute, usw.), gefrönt wird dem gesamtgesellschaftlichen Antikommunismus, was sich beispielsweise äußert in dem völlig angstfrei dahergeplapperten Satz einer Heimatvertriebenen: „Die Russen waren schlimm“. So sehen Nazis das eben und dürfen das auch sagen, ohne die widerliche Fresse zertrümmert zu kriegen. Eine Stunde später definiert ein Depp im Dritten Programm das deutsche als „reiselustiges Volk“ und ein anderer Depp, seines Zeichens Experte für irgendwas, sekundiert: „Auf Mallorca gibt es viele ausgewanderte deutsche Ärzte, da fühlt man sich wie daheim“. Deswegen reist der deutsche Kosmopolit: Um zuhause zu sein. Das macht immerhin den Blitzkrieg gegen Spanien vorerst überflüssig. In Afghanistan gibt es kaum ausgewanderte deutsche Ärzte, wahrscheinlich führt man daher Krieg bzw. veranstaltet Tontaubenschießen oder wie Krieg in der Diktion der Irren momentan halt genannt wird. Weitergeschaltet zu Phoenix, dem Dokumentationskanal der Öffentlich-Rechtlichen, der zuverlässig Führer-Filmchen zeigt, heute sogar welche, die Eva Braun höchstpersönlich gedreht hat – Eva Braun guckt sich Tiger, Elefanten und Paviane im Zoo an. Wir sehen Himmler und Heydrich, die haargenau so sich benehmen wie die Manager-Typen von heute, was alles, nur kein Zufall ist. Deutschland ist Tod- genauso wie Export-Weltmeister, was durchaus in eins fällt. Jetzt zeigt uns der Sender, der den Namen „Der Führer privat“ tragen dürfte, schöne Bilder von Brauns und Hitlers Hunden (einer heißt tatsächlich Stasi und ist ein Terrier, Blondi kennt bereits jeder, aber daß sie sich von der Braun als Kalb titulieren lassen musste, schockiert und eröffnet ganz neue Perspektiven auf den Faschismus) und der Kommentator philosophiert darüber, ob dem Hitler-Flittchen die Unvereinbarkeit von Hitlers Tierliebe und seinem Judenhaß nicht aufgefallen sei. Alles klar, Juden sind sowas ähnliches wie Dackel und Vernichtungslager die böse Variante des Tierheims, man hat’s ja geahnt. PETAs Holocaust auf deinem Teller hätte es mit dem Gröfaz jedenfalls nicht gegeben, soviel ist sicher, der war nämlich Vegetarier und somit Antifaschist. Derweil werden wir in Kenntnis gesetzt vom Ableben des Wildmosers, der sowas wie ein Hoeneß für Arme, also eben 1860 München, und nebenbei Mafiapate war, wenn unser Gedächtnis nicht trügt. 1860 München wiederum ist der Club, dem ein Hakenkreuz im Vereinswappen gut stünde, was Anton Löffelmeier zum entschuldigenden Buchtitel „Die „Löwen“ unterm Hakenkreuz“ inspirierte. Ja mei, unterm Hakenkreuz ist halt unterm Hakenkreuz. Da wir uns nicht für langweiligen Provinzfußball2 interessieren, haben wir das Buch nicht gelesen, aber es ist bestimmt sehr kritisch und informativ. Weitergeschaltet auf ntv erfahren wir, daß es in Duisburg nicht 19, sondern 21 Tote gab, die übrigens keine Raver waren, sondern „ganz normale Menschen“, die ganz normal SPD oder NPD gewählt haben und daher schuldlos zu Tode kamen. Schade, es hat also keine drogenverseuchten Sodomisten getroffen, die bei einem Rave bekanntlich eh nicht anzutreffen sind. Genug Irrsinn für heute, wir wenden uns wieder der dem Zeitgeist widersprechenden, jedoch ganz dem Weltgeist entsprechenden Lenin-Studienausgabe3 zu und weisen darauf hin, daß das Fernsehprogramm, bestehend aus Toten, Hitler und noch mehr Toten, gewürzt mit ordentlich Untoten und einer Prise Toten, dem Zweck, die Totalverblödung dieses Volkes zu überprüfen, mindestens angemessen ist.

ring

  1. Blogger rhizom weiß: „allein das Konzept des “Strafens” ist ja schon stinkreaktionär“. Der arme Alfred Rosenberg, der unglückselige Julius Streicher, der bedauernswerte Adolf Eichmann – rhizom hätte sie alle gerettet vor den stinkreaktionären Mördern! [zurück]
  2. Für erstklassigen Fußball dafür umso mehr! Der FC Barcelona ist der Club der Wahl. [zurück]
  3. Wir verfügen auch über die Werkausgabe, nicht daß Sie denken… [zurück]

Unsere Ehre heißt Kritik

„Intellectualitas: die größten Arschlöcher sind die sogenannten Intellektuellen.“ (Thomas Bernhard)

Amadeo Bordiga, einer der Führer der blödesten linksradikalen „Spastis“ (J. F. Geldsack), der innerhalb der italienischen KP gegen den Sozialismus arbeitete, hat einen Fan, der ihm in Sachen Dummheit in nichts nachsteht. Kein Wunder, daß der Vollhorst tatsächlich das Blabla des Möchtegern-Bürgers Horkheimer als „Schatzkammer des Materialismus resp. des wissenschaftlichen Kommunismus“ interpretiert. Horkheimer bietet nichts außer kleinbürgerlicher Verzerrung des Marxismus und delirierendem Gelaber, das den Namen „Philosophie“ insofern zu recht trägt, als es antimarxistisch ist wie der Nationalsozialist Heidegger. Die penetrant eingestreuten Zitate des Karl Marx, den Horkheimer übrigens als Antisemit denunzierte, wie ein Blockwart, halt nur andersrum, dienen zu nichts als der Irreführung des Lesers und wollen glauben machen, man hätte es mit einem halbwegs bei Sinnen Gebliebenen zu tun. Weit gefehlt. Horkheimers Programm besteht in der Verhinderung respektive Bekämpfung jedes real existierenden Sozialismus, das eint ihn (nicht nur) mit Bordiga und den damaligen wie heutigen Kritischen Theoretikern. Ihre Feinde sind, damals wie heute, Marx, Engels, Lenin, Stalin und alle anderen, die nicht philosophieren, sondern revolutionieren wollen, um nicht länger Opfer, sondern Täter zu sein. Horkheimer wollte nie etwas anderes als eloquenter Beschwerdeführer der Opfer sein, die er locker nicht nur entmündigte, indem er ihren Opfer-Status verewigte. Sobald die Opfer tätig wurden, Täter wurden, hatte er für sie nichts übrig als Kritik, die sie zu ruhig haltenden ihr Leid Veredelnden machen sollte, um sich nicht den kritisch-theoretischen Vorwurf gefallen lassen zu müssen, es handele sich bei ihren Bestrebungen um eine Spielart des Nationalsozialismus. Wir erledigen im Vorübergehen das commünistisch-emanzipatorische Scheusal. Horkheimer folgen, das heißt: Großmäuliges Kleinbürgertum, imperialistische Massaker, sinnloses Herumdenken, heroisches Ertragen dessen, was aus der Welt geschafft werden muß, „Neger“ (Adorno, GSP) verachten, Antikommunismus, antifaschistischer Nationalsozialismus=Postnazismus. Was tatsächlich nötig ist, ist eine KP, die vom Irrenhaus DKP maßgeblich sich unterscheidet, revolutionärer Terror, die ein oder andere Säuberung, Autorität1, Zwang, Gewalt, also all das, was den feingeistigen Frankfurter Schülern (erinnert sei an Benjamins Gewaltkritik) stets ein Gräuel war, da es einer Gesellschaft der untoten Aushalter und Mitmacher die Möglichkeit der Menschwerdung geboten hat. Sozialismus eben.

sozialismus

  1. Damit ist nicht gemeint, wie Adorno, die Polizei einzuschalten, sobald Studenten nerven, auch wenn ihn das beinahe sympathisch macht: Wenigstens machte er sich nicht ganz so gemein mit dem anarchistischen Mob wie Marcuse. [zurück]

Stanislaw in der weiten Welt der Volltrottel

Aus mir unbekanntem Grunde wird dieses zierliche Weblog mittlerweile bei den häufig frequentierten Bloggern in den Kommentarspalten gelinkt – Freude kommt dadurch nicht auf. Jedoch nutzte ich die gegebene Gelegenheit, ein paar klarstellende Worte zu verlieren und benutzte leider das Wort „sich“ einmal zu oft. Verzeihung!

„Ich weiß nicht, mit welchem Komödianten Sie mich verwechseln, doch lassen Sie mich Sie bitte davon überzeugen, daß Sie keine Satire gelesen haben. Jedes Wort ist so gemeint, wie es im Text steht, deswegen steht es dort. “Böööseiii” bzw. “herrlich überspitzt” ist bei mir nichts. Derartig sich an den deutschen Ungeist sich anschmeichelnde Idiotien überlasse ich höflich Verrückten wie Niggemeier, Behördlekneipiers und dem Rest des Blogger-Abschaums sowie den dazugehörigen Kommentarspalten-Befüllern. Jedoch wünsche ich weiterhin viel Vergnügen bei der geistlosen Verwechslung von Wahrheit und Zombiegeschwafle mit dem Zweck der Belustigung hirnloser Leichen.“

Den Sozialismus erwarten mit den Klassikern

„Die deutsche Sozialdemokratie ist [spätestens; S. Hirschfeld] nach dem 4. August 1914 ein stinkender Leichnam“ – mit diesem Ausspruch Rosa Luxemburgs wird ihr Name in die Geschichte der Arbeiterbewegung der ganzen Welt eingehen.“ (W.I. Lenin)

Seit den Lebtagen Luxemburgs und Lenins hat sich einiges geändert. Längst reicht es nicht mehr, allein die kleinbürgerlichen Deppenvereine wie SPD, CDU oder DVU als die Leichname zu begreifen, die sie sind. Die gesamte deutsche Gesellschaft besteht aus modrigen Körpern, die in einem irrsinnigen Totentanz Leben nur simulieren. Friedhöfe sind nicht begrenzt, das ganze Land stellt ein überdimensionales Massengrab dar, in dem die Leichen danach trachten, noch die letzten Lebendigen unter die Erde zu bringen oder wenigstens sich gegenseitig zu zerfleischen, falls keine lebenden Menschen mehr auffindbar sind. Die Berichterstattung, auch die subkulturelle, über das, was Politik, Wirtschaft, Kultur genannt wird, liefert stets das passende Requiem und vermittelt wider jede Realität den Schein, es gäbe Bewegung, Veränderung, Fortschritt, wo doch in Wahrheit der ganze Gesellschaftskörper sich in Totenstarre befindet und bestialischen Gestank verbreitet. Angesichts dieser Lage gibt es nichts aufzuklären, Kritik, Debatte, Erklärung stoßen nicht bloß auf taube, sondern tote Ohren und gliedern sich perfekt ein in den wahnwitzigen Totenkult. Es geht stattdessen darum, am Leben, das heißt bei Verstand und Genußfähigkeit, zu bleiben und entspannt auszuharren, bis der Sozialismus mit aller nötiger Gewalt, mit Gewehren, Bomben, Panzern und Schutzwällen zurückkehrt, um die Zombies daran zu hindern, weiterhin ihr Unwesen zu treiben. Dazu ist Geduld nötig, mehr nicht. Warum? Die Antwort gab bereits Peter Hacks:

„Sie wundert mein Optimismus? Ich schlage mich, ganz wie jeder andere Mensch [Hacks sprach offensichtlich nicht von den living dead; S. Hirschfeld] auch, auf die Siegerseite. Der Kapitalismus hat doch nicht die geringste Überlebenshoffnung.“

rotearmee