„Schuld ist niemand an irgendetwas; jeder ist sich selbst das Nichts. Lebt und schreibt man in einer Gesellschaft, die sich so sieht, gibt es eigentlich kaum etwas zu sagen.“ (Dietmar Dath)
“ Oh we‘re so pretty / Oh so pretty / We‘re vacant“ (Sex Pistols)
„Aber wie das Erhabene von Dämmerung und Nacht, wo sich die Gestalten vereinigen, gar leicht erzeugt wird, so wird es dagegen vom Tage verscheucht, der alles sondert und trennt, und so muss es auch durch jede wachsende Bildung vernichtet werden, wenn es nicht glücklich genug ist, sich zu dem Schönen zu flüchten und sich innig mit ihm zu vereinigen, wodurch denn beide gleich unsterblich und unverwüstlich sind.“ (Goethe)
Persönlichkeit ist zu erlangen. Dazu braucht es Wille und Anstrengung. Mit der Bildung der eigenen Persönlichkeit betätigt sich der wirkliche Mensch als vernünftiger freier. Sein Ziel ist Vollkommenheit. Dazu braucht es den Sozialismus und den Kommunismus. Hacks etwa, unbestreitbar ein Genie, war nicht vollkommen, sondern auf höherem Niveau unvollkommen als es ihm ohne DDR möglich gewesen wäre. Die recht häufig behandelte Frage, was er ohne sie gewesen wäre, ist die uninteressantere, weil nach hinten blickende. Die spannende geht so: Was wäre der große Hacks im Kommunismus geworden? Sie ist derzeit nicht beantwortbar.
Es stehen dafür andere, langweilige Fragen an, die mit Leichtigkeit geklärt werden können. Wer beispielsweise Persönlichkeit verneint, wird an Hacks keine Freude haben können, das darf als sicher gelten. Da Hacks tot ist und er am Gewinn, den der Verkauf seiner Werke liefert, nicht profitieren kann, ist das ziemlich egal. Nicht egal ist es jedoch, wenn die Unansprechbaren, die „Persönlichkeitspflege“ ablehnen, weil sie über nichts verfügen, das gepflegt werden könnte, sich daran machen, der Welt, also den anderen Bekloppten, Hacks zu erklären. Ihre Mittel sind beschränkt und heißen Kritik. Da sie nichts merken, wenn sie sich die Finger verbrennen, plappern sie unbeirrt und ungesittet weiter. Ein guter und geduldiger Dompteur – wir denken an dieser Stelle an Ulbricht und Stalin –, wäre hilfreich, ist im Moment aber leider nicht verfügbar. Notgedrungen beschränken wir uns auf Zwischenrufe.
„In seinen polemischen Verslein, die ein hohes Maß an Reimschmiedekunst bezeugen, geriert sich Hacks ein bisschen als ein Stefan George von links, freilich unter Verzicht auf eine devote Jüngerschar, die zur Anbetung des Meisters bereit wäre, denn einen ehrfürchtigen Dichterkreis wird Hacks für seinen ästhetischen wie politischen Extremismus nicht mehr finden können. Was er in seinen leichthändigen Heinrich-Heine-Liedern und Volksliedstrophen an politischen Überzeugungen ausbreitet, wird man nur als Resultat einer selbst gewählten Verblendung wahrnehmen können. Und dennoch ist sein provozierender sozialistischer Eskapismus nicht ohne Reiz.“
Der leichthändige Kunstschmied provoziert also polemisch mit linken Stefan-George-Liedern für reizvolle Eskapisten, die, zwar devot und extremistisch, aber nicht existent, sozialistische Verslein dichten. So sieht es aus, wenn geistige Fliegengewichte sich einen Bruch heben. Klassik, besonders die sozialistische, ist nunmal schwere Kost, auch wenn sie beflügelnd wirken kann, wo sie auf ein ihr angemessenes Publikum trifft. Michael Braun [„Nomen atque omen“; Plautus], der den zitierten Blödsinn bereits vor zehn Jahren vom Freitag drucken ließ, also davon ausgehen musste, den Klassiker zum Lesen seiner Idiotien zu nötigen, gehört nicht dazu; Wiglaf Droste, der bis heute über bzw. gegen Hacks‘ Bedeutung schwätzt, übrigens auch nicht.

Gedenkstätte der Sozialisten
Mit Ulbrichts Abschuß war wieder einmal
Ein freies Deutschland verloren.
Er endete nicht im Landwehrkanal.
Der lag in den Westsektoren.Der Mörder war wieder die SPD.
Der Brandt war Ulbrichts Noske.
Breshnew will Frieden an der Spree,
Meldeten die Kioske.Zieh mollig an dein kleines Kind,
Es bläst ein Sturm, ein kalter.
Der rote Winterspaziergang beginnt
Zu Karl und Rosa und Walter.(Peter Hacks)
Nächtlicher Nachtrag:
Man kann sich aussuchen, wessen Tätigkeit man mit zugeneigter Aufmerksamkeit betrachtet. Dessen wohlwollendes Interesse an den eigenen Aktivitäten läßt sich nicht erzwingen. Das Prinzip des Tausches ist hier außer Kraft gesetzt. André Thieles Verlag im Allgemeinen sowie das Fachjournal ARGOS erfreuen mich in schöner Regelmäßigkeit. Ich nehme sogar in Kauf, für Ingo Ways Texte Geld zu zahlen. An meiner Gewogenheit kann also kein Zweifel bestehen. Daher ist es nicht gerade schmerzhaft, aber doch lästig, aufgrund eines Satzes in einem Sack gesehen zu werden, in dem ich mich nicht befinde. Es geht hier, ich geb’s offen zu, gewissermaßen um die romantische Ehre. Der Anstoß erregende Satz war anscheinend dieser, der sich in seinem ganzen Zusammenhang oben befindet:
„Die recht häufig behandelte Frage, was er ohne sie gewesen wäre, ist die uninteressantere, weil nach hinten blickende.“
Weiter hieß es:
„Die spannende geht so: Was wäre der große Hacks im Kommunismus geworden?“
Was nun dazu führte, mich als einen selbstgefälligen linken postpostmodernistischen Quatscher der an Peter Hacks interessierten Öffentlichkeit vorzustellen, kann ich nicht sagen, denn mir wurde es nicht mitgeteilt. An dem Mißgunst erregenden Satz halte ich fest, zu seiner Unterstützung schicke ich ihm nun ein paar andere zur Hilfe.
Nach hinten zu blicken sei niemandem untersagt, nicht zuletzt ich selbst würde unter solch einem Verbot leiden. Die Betrachtung der Vergangenheit ermöglicht das Lernen, insofern bin ich ihr recht herzlich dankbar; das Zukünftige bietet nichts außer der Sicherheit, daß es anders sein kann, wenn das Gegenwärtige schlecht ist, oder daß es so sein kann wie das Gegenwärtige ist, wenn dieses mal gut sein sollte. Und dennoch ist die Frage, was Peter Hacks ohne die DDR gewesen wäre, die weniger spannende, wenn man sie vergleicht mit der Frage, was ein Genie im Kommunismus wohl erreichen wird können. Mit Hacks setzt man sich auseinander, weil er im Sozialismus großartige Werke produziert hat. Ihn gedanklich nach hinten zu versetzen, also in eine rückschrittliche, kapitalistische BRD, nicht ihn meinetwegen im Mittelalter anzusiedeln, ist ein Gedankenspiel, das zu keinem erquicklichen Ergebnis führt: Hacks wäre ohne die in der DDR gewonnenen Erfahrungen jedenfalls nicht der Hacks geworden, den man heute schätzt – was auch immer man als die conditio sine qua non seines Heranwachsens zum Klassiker annimmt. Da scheint mir doch mehr Suspense zu versprechen, sich zu überlegen, was ein genialer Künstler zu schaffen imstande sein wird, wenn die von Menschen geschaffenen Verhältnisse bestmögliche Bedingungen für die Selbstentfaltung eines mit außerordentlichen Talenten gesegneten Menschen bieten. Der Blick nach vorne läßt Vorfreude entstehen. Mir sagt das zu. Aber bitte, das ist nur meine private, unerhebliche Ansicht. Ich dränge sie nun niemandem mehr auf, versprochen.
Nachtrag bei Tageslicht:
Nina Ruge hat recht. Alles wird gut.
Da versäumt man, vor dem nebenbei und nur indirekt erwähnten André Thiele einen höflichen Knicks zu machen, und schon ist man ein süffisanter Quatschkopf – und nicht irgendeiner, gleich noch ein linker! Muß ich denn nun seinen Verlag boykottieren und die Ausgaben von ARGOS bei meinem kommunistischen Zahnarzt klauen?
„André Thieles Verlag im Allgemeinen sowie das Fachjournal ARGOS erfreuen mich in schöner Regelmäßigkeit.“
Auch das geht – mit zunehmender Bildung – vorbei.
Man sollte, nur weil – wie z.B. hier in Bloghausen – noch viel schlimmere, linke Idioten ihr Unwesen treiben, nicht in die romantische Haltung verfallen, die rechten Gegner auf einmal zu Freunden umzustempeln, nur weil diese vielleicht 2, 3 Dinge mehr kapiert haben als der linke Abschaum.
H.U.d. Jauregui hat das ja letztens in der jW treffend – und vor allem frei von jenem ekelhaften Opportunismus („Freundschaft“, „Loyalität“ und ähnlicher Quatsch), den Thiele nachträglich in seinem beleidigten Gejammer einforderte, beschrieben. Im Klassenkampf (und der Klassenkampf ist die Arbeit des Kommunisten) gibt es keine Freundschaft – auch nicht mit semi-liberalen bürgerlichen Kleinverlegern. Es mag da temporäre institutionelle Ausnutzungsverhältnisse und Geschäftsbeziehungen geben, aber keine persönlichen Sympathien – zumindest keine, der man als Kommunist die Politik unterordnen würde.
Überhaupt weiß der (Klassen-)Feind (hier: Thiele) letztlich immer besser, dass er der Feind von jemandem (hier: Dir) ist, als dieser. Leuten wie Thiele oder auch Droste gehört schlicht das Handwerk gelegt, und Hacks wäre der erste gewesen, der, beim Anblick von deren heutigen Schweinereien, sofort einen längeren Bautzen-Aufenthalt, wenn nicht eine sofortige Ertränkung in der Spree erwirkt hätte.
Die Bücher des „VAT“ hat man als Kommunist gefälligst zu klauen, und an die hacksologische „höchstens-5-Wörter-pro-Satz“-Barbarei sollte man sich auch nicht anpassen, wenn man noch halbwegs in der Gunst weltgeist’scher Gefilde stehen will.
André Thiele übrigens, davon trieft jeder seiner Sätze, ist engagierter Klassenkämpfer von oben und bedient sich dabei jener noch von Helmut Kohl (der am liebsten Rosa Luxemburg zitiert hat & Tucholsky als seinen Lieblingsautor angab) bekannten Methode, tote Kommunisten als Argumentlieferanten für den eigenen rechten Dreck heranzuziehen (da Rechte noch nie selber denken konnten, mussten sie daher schon immer auf linke Autoren zurückgreifen, wollten sie als „Rechtsintellektuelle“ gelten).
In seinem Deutschlandfunk-Interview zu Hacks von letzter Woche gibt Thiele dann auch eine Definition von Stalinismus, die, da sie vom Feind stammt, Gültigkeit besitzt: Danach ist ein Stalinist korrekterweise jemand, der
a) „absolut konsequent die Politik der marxistisch-leninistischen Partei vertritt,“
b) „darüber hinaus Kompromisse mit dem Zeitgeschehen ablehnt,“
c) „und drittens eben die Entwicklung der Sowjetunion vor allem in den späten Dreißiger und frühen Fünfziger Jahren idealisiert. Und ganz genau das hat Hacks getan.“
(O-Ton Thiele)
Hier spricht der Feind; und der weiß schließlich am besten, wer ihn bedroht.
(Ein entsprechender schriftlicher Schauprozess gegen die rechten Hacks-Aneigner wird übrigens demnächst von mir zu lesen sein.)
„Und dennoch ist die Frage, was Peter Hacks ohne die DDR gewesen wäre, die weniger spannende, wenn man sie vergleicht mit der Frage, was ein Genie im Kommunismus wohl erreichen wird können.“
Das stimmt natürlich.
„Hacks wäre ohne die in der DDR gewonnenen Erfahrungen jedenfalls nicht der Hacks geworden, den man heute schätzt – was auch immer man als die conditio sine qua non seines Heranwachsens zum Klassiker annimmt.“
Das hingegen ist Quatsch. Ein Genie wird als Genie geboren, fertig.
Ein paar Feinheiten, die Ausdifferenzierungen seiner Talente usw., geschehen noch in der Jugend, das wars. Und bei Hacks war das alles in der BRD – in der er ja leider den Großteil seines Lebens verbrachte und die ihn daher durchaus stark „geprägt“ haben dürfte – längst vorhanden. Jemand wie Hacks braucht auch keine SED-Sozialarbeiter, die ihn zum Klassiker päppeln, Genies gab es vor der Existenz des Sozialismus schon und es wird sie nun auch ohne ihn geben. Hacksens größter Antrieb zur Erzwingung seiner Werke dürfte immer noch der Hass auf die Schlechtigkeit des Kapitalismus und nicht die Liebe zum Sozialismus gewesen sein. In der DDR hatte er Ruhe vor den Faschisten, so dass er sich konzentrierter mit dem Wichtigsten befassen konnte, das wars aber auch schon – wer die DDR oder gar ihre Politik zum Ziehvater von Hacksens Talent macht, unterschätzt damit die Autonomie des Genies.
Moment! Ich behauptete ja nun nicht, die DDR habe Hacks zum Klassiker gemacht, sondern in der DDR habe Hacks anders zum Klassiker reifen können als in der BRD. Genie ist Genie, gleichgültig wo und wann. Aber wie genau dieses Genie sich äußert, das hängt ab von den jeweiligen historischen Gegebenheiten. Mehr wollte ich nicht sagen; wir haben da gar keinen Dissens, meine ich. Zu Thiele mag ich mich nicht weiter äußern, das erledigt Heidi Urbahn de Jauregui, wenn’s nötig ist. Die Sendung im Deutschlandfunk, ich habe sie gehört, erfordert ohnehin kein Kommentar, denn Thiele wurde deutlich genug, um die Befähigten erfahren zu lassen, mit wem sie es zu tun haben. Meine Freunde suche ich, das möchte ich noch versichern, sorgfältig aus und verwechsle sie nicht mit meinen Feinden. Diese wiederum suche ich mir zwar nicht aus, für jene halte ich sie trotzdem nicht. Den in Aussicht gestellten Schauprozeß erwarte ich ab jetzt vorfreudig, sie sind leider so selten geworden in letzter Zeit.
„Mehr wollte ich nicht sagen; wir haben da gar keinen Dissens, meine ich.“
Denke ich auch.
„Den in Aussicht gestellten Schauprozeß erwarte ich ab jetzt vorfreudig, sie sind leider so selten geworden in letzter Zeit.“
Das müssen sie, um gründlich und effektiv zu sein.
Meine Herren,
alles schön und gut. Aber Sie müssen doch auch ihren Hacks lesen. Kunstfragen hatten sich für Hacks im Kommunismus erledigt. Kunst entsteht ja bei ihm gerade aus den Widersprüchen von jetzt und einem gedachten Morgen, die Utopie ist ihm der Antrieb überhaupt Kunst zu veranstalten. Und das hätte sich im Kommunismus, zumindest wenn Sie den meinen, den ich meine, ja erledigt. Tempi passati.
Im Kommunismus gibt’s also keine Widersprüche mehr? Gut, daß Sie’s wissen. Glauben muß ich’s ja nicht.
„Die Bücher des „VAT“ hat man als Kommunist gefälligst zu klauen“
Ich besitze genau eins, und das ist in der Tat geklaut.
Ich besitze genau keins, mir wurden alle geklaut.
Das eine hab ich, wegen der anderen musst du LW fragen.
Danke, aber ich scherzte nur.
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„Bisher ging, wie auch im obigen Posting ersichtlich (aber auch im Forum, auf der PHS etc.), jede Pöbelei, Unhöflichkeit, Schweinerei von niemand anderem als IHM aus.“
Das stimmt nicht. Sie übersehen, daß seit etwa zwei Jahren von sehr vielen Seiten persönliche Dinge in die Öffentlichkeit getragen werden und der Ton sehr rauh geworden ist. Die Atmosphäre ist insgesamt sehr gereizt, und diese Entwicklung ging nicht allein von Thiele aus. Es kann passieren, daß in einem solchen Hin und Her auch mal einer was abbekommt, der nichts dafür kann. Ging mir auch schon so. Daß Thiele in der schriftlichen Diskussionen machnmal etwas über die Stränge schlägt, ist unbestritten. Das sind Eigenheiten, mit denen man leben kann und muß. Man kann ja auch Lyzis‘ Eigenheiten (der Thiele in puncto Schärfe und Beleidigung deutlich übertrifft) ertragen, wenn man einmal begriffen hat, daß er eben ist, wie er ist. Dann kann man ihn sogar fast ein bißchen gern haben.
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„Das sind Eigenheiten, mit denen man leben kann und muß. Man kann ja auch Lyzis‘ Eigenheiten (der Thiele in puncto Schärfe und Beleidigung deutlich übertrifft) ertragen, wenn man einmal begriffen hat, daß er eben ist, wie er ist.“ (F.B.)
Ich hab da natürlich Einwände: Sie gehen über die Klassendimension einfach hinweg. Thiele, Schirrmacher & Co wollen Hacks – erklärtermaßen!- heim ins Reich holen, und – wie LW es schon zeigt – es stehen ihnen als Bürgerlichen für solche Versuche ganz andere Mittel (Zeitungen, Verlage, Connections) zur Verfügung als den Kommunisten, die das verhindern wollen. LW übertrifft Thiele eben nur auf persönlicher Ebene an Schärfe – während Thiele den Hacks locker gleich auf gesellschaftlicher SKala (mittels Artikeln, Interviews) zum zwar-Genie-aber-Scheißkommie stempeln kann; und das ist eben nicht direkt (persönlich) unhöflich, sondern (gesellschaftlich-objektiv) Schweinerei.
Diese persönlichen Eigenheiten sind hier schön anschaulich durch das Klasseninteresse geprägt (etwas, wovon die Bürgerlichen – und sie anscheinend auch – nicht zu reden brauchen, da sie ja die herrschende Klasse sind). Jeder „ist, wie er ist“: den Elefanten, der im Raum steht, haben sie da ignoriert!
Hab sie ansonsten auch gern,
Geldsack.
Lieber NUlla,
Sie sind sehr mutig und sehr bestimmt. Darf ich Sie mit einer Frage belästigen?:
Wie heißen Sie eigentlich, da, wo das bürgerliche Leben konkret ist?
Sie sprechen meinen Namen und den anderer sehr oft aus und sagen so dies und das, da muss es Ihnen doch ein gewisses Bedürfnis sein, vor der Öffentlichkeit nicht als Feigling dazustehen, der große Sprüche klopft, solange keiner weiß, wohin er ihm die Post zuzustellen hat.
Herr Hirschfeld und Sie betreiben da ja Blogs, die sich, anders als die von Ihnen so erfrischend lautstark angegriffene Peter Hacks Seite, nicht der gesetzlichen Angabenpflicht des verantwortlichen Betreibers unterwerfen, was natürlich in gewisser Weise ein revolutionärer Akt ist, in anderer Weise aber einfach nach Feigheit stinkt.
Peter Hacks und ich, wenn Sie mir für einen Augenblick die Anmaßung dieses Vergleichs erlauben wollen, haben eines wenigstens gemeinsam: Wir mögen Pseudonyme gebraucht haben, aber ausschließlich in spielerischen Zusammenhängen; in allen Punkten von Bedeutung sind wir immer mit unseren, Pardon!, bürgerlichen Namen angetreten.
Wie sieht es diesbezüglich bei Ihnen aus?
Sie reden so viel davon, dass man gegen die Masse angehen müsse, und nennen das Stalinismus, da muss es Ihnen doch eine Herzensangelegenheit sein, die Haupteigenschaft der Masse, die Flucht in die Anonymität, abzulehnen. Also, fassen Sie sich ein Herz und erweisen Sie Ihren Lesern gegenüber den Mut, den Sie so unermüdlich von anderen fordern!
Alles Gute wünscht Ihnen
Ihr André Thiele
Thiele hat nie ein Monopol beantragt. Er hat im Gegenteil alle Gruppen zugelassen. Und was Sie auslassen, ist die Tatsache, daß bis 2008 alle – auch die, die heute schreien – mitspielen wollten. Der Gegenwind z.B. von jW kam erst ab März 2008. Und der Grund hierfür liegt in was anderem. Hacks hatte eine Zeitlang ein Nischendasein, was er heute nicht mehr hat. Als sich abzeichnete, daß der Boykott wirklich Risse bekommt, da haben einige Leute gereizt reagiert, und es war zu merken, daß sie im Grunde mit dem Nischendasein von Hacks sehr gut leben konnten. Es war sehr gemütlich, und der Hacks war ganz ihrer. Dieselben Leute, die vorher über den Boykott gewettert hatten, wünschten ihn sich nun zurück. Und das betrifft einen Großteil der jW-Autoren. jW konnte immer damit angeben, daß sie die einzige Tageszeitung war, die sich ausgiebig (man könnte fast sagen: zu ausgiebig) mit Hacks beschäftigte. Als sich das änderte, war die Luft dick. Und jetzt stellen Sie sich nochmal die Frage, wer hier ein Monopol wofür wollte. Denn Thiele hat nie vertreten, jW solle sich nicht mit Hacks beschäftigen. Werfen Sie einen Blick in den Argos. Das Kriterium ist nicht die politische Tendenz, sondern die inhaltliche Substanz. Und anders kann es bei einer literaturwissenschaftlichen Zeitschrift auch nicht sein.
Das Problem mit Ihnen war ein anderes. Sie erinneren sich, daß wir seit 2005 öfter aneinander geraten sind. Das passierte fast nie aus inhaltlichen Gründen, sondern deswegen, weil geschätzte 90% Ihrer Äußerungen keinen anderen Zweck hatten als Provokation. Und da frage ich mich natürlich, warum Sie, wenn Sie doch die Absicht hatten, etwas zu beweisen, diesen Weg gewählt haben. Sie haben ja nicht einfach gesagt: Seht her, aus diesen und diesen Gründen ist Thiele der Gott-sei-bei-uns, und so und so muß man es machen. Sie haben vollkommen unanwendbare Positionen vertreten und Generalurteile über das gesamte Umfeld gefällt. Wie Sie es auch jetzt wieder getan haben. Es reicht Ihnen nicht, gegen den Autor Thiele und seine Position zu polemisieren, sie müssen den ganzen Verlag für nichtig erklären. Sie erklären die Wissenschaft für Blödsinn und erheben die Politik zur Alleinherrschaft. Ich will Ihnen ja gar nicht erklären, wie Sie Ihre Mission, auf der offenbar und eingestandermaßen sind, richtig zu vollenden haben, aber meinen Sie nicht auch, daß es sinnvollere Wege gegeben hätte als z.B. Ronald Webers oder Annette Loses Forschungsarbeit für Schwachsinn und nichtig zu erklären, bloß weil sie bei Thiele verlegt sind? Oder, ein anderes Beispiel, wenn Sie in der bekloppten „Popularisierungsdebatte“ erklärt haben, Hacks sei nur was für Leute wie sie, und das Volk sei dazu bestimmt, im Gulag zu arbeiten und im übrigen die Fresse zu halten. Es ist schon komisch, daß ausgerechnet ich – dessen Sorge die Volkstümlichkeit nun wahrlich nicht ist – Sie fragen muß, für wen Sie eigentlich bei dieser Haltung Revolution machen wollen.
Natürlich stimme ich Ihnen zu, wenn Sie Hacksens Kommunismus als wesentliches Moment bestimmen. Das ist er. Aber er ist nicht das einzige. Und es ist wichtig, daß man diesen Unterschied begreift. Man kann Hacks nicht wirklich verstehen, wenn man nicht auch ein paar Kenntnisse über den ML-Kanon besitzt. Damit hat Hacks – wenn auch auf individuelle und nicht-orthodoxe Weise – operiert. Nur folgt daraus nicht, daß Hacks allein von Kommunisten verstanden werden können. Aus zwei Gründen. Erstens sind die meisten Menschen, die sich für Kommunisten halten, Idioten, was nicht daran liegt, daß sie sich für Kommunisten halten, sondern daran, daß sie Menschen sind und Dummheit eine genuin menschliche Eigenheit ist, die man überall mit an Bord hat, wo sich Gruppen versammeln. Das gilt, will ich sagen, für alle politischen Lager. Und zweitens kann ein kluger Kopf, der kein Marxist ist, sehr wohl ebenfalls Erkenntnisse haben. Es ist überhaupt ein Märchen, das besonders gern von Minderbemittelten verbreitet wird, daß die politische Haltung eine Frage von Erkenntnissen ist. Die politische Haltung beruht auf Interessen, auf den Zielen, die der Mensch hat. Es gibt Menschen, die die Freiheit stärker gewichten als die Gleichheit, und es gibt solche, die es umgekehrt handhaben. Es gibt keine logischen Gründe hierfür; es sind Bedürfnisse.
Was den Stalinismus von Hacks betrifft – stellen Sie sich mal die Frage, ob nicht der historische Abstand, den Hacks zur Epoche Stalins hatte, überhaupt erst die Voraussetzung für seine Haltung zu dieser Epoche ist. Nur dieser Abstand konnte Hacks ermöglichen, in Stalin das tiefergehende Prinzip zu sehen, um das es Hacks ging. Darum nämlich, daß für den Sozialismus eine Politik nötig ist, die nicht der Gammelei und Bequemlichkeit nachgibt, die das, was zu tun ist, ernstnimmt. Das ist die Linie, die Hacks zwischen Stalin und Ulbricht zieht, denn beide stehen dafür, den Sozialismus mit hohen Ansprüchen und mit Ernst zu betreiben. Aber in den äußerlichen Formen gibt es Unterschiede. Ulbrichts Politik kam ohne Gulags usf. aus. Ulbrichts Gulag war das Parteiarchiv in Potsdam, wohin Parteimitglieder versetzt wurden, wenn sie Mist gebaut hatten. Oft auch, um sie aus der Schußlinie von Moskau zu nehmen. Natürlich gab es auch hier unschuldig Betroffene. Natürlich gab es auch Auswüchse, wie etwa der (möglicherweise antisemtisch motivierte) Prozeß gegen Paul Merker. Aber das waren Ausnahmen, es war nicht die Regel. – Warum erzähle ich das? Weil genau hierin, in diesem Unterschied zwischen DDR und SU, ein wichtiger Punkt für Hacks liegt. Die äußerlichen Merkmale des Stalinismus waren für Hacks genau das, was sie waren: unschöne Erscheinungen, die aus einer historischen Zwangslage heraus begreiflich sind. Sie sind kein Selbstzweck, und schon gar nicht Güter, die man um ihrer selbst willen anstrebt. Lesen Sie die Stellen in den „Gesprächen mit Hacks“, wo es um die Stalin-Zeit (nebenbei auch hier und da um Kritik an Stalin) geht. Schlagen Sie „Fröhliche Resignation“ auf (S. 25), blättern Sie in „Am Ende verstehen sie es“ (S. 35f.). Worum es Hacks immer ging, ist der historische Gesamtprozeß; und den hat er – da haben Sie und Thiele ganz recht – idealisiert. Die unschönen Erscheinungen als solche waren für Hacks nicht anzustreben, sondern zu vermeiden. In diesem Sinne ist es auch zu verstehen, wenn Hacks Ulbrichts Linie (in einem bislang unveröffentlichen Text) einen „aufgeklärten – und weiterhin aufzuklärenden – Stalinismus“ nennt. Und darin liegt zugleich ein Unterschied zu Ihrer Verfahrensweise. Ich will nicht behaupten, daß hinter Ihren Provokationen nicht auch tiefere Gedanken stecken, die Sie beim Pöbeln bewußt zurückhalten. Aber Sie spielen mit den Begriffen (Säuberungen, Gulag usf.), als seien es Lutschbonbons. Und das hat Hacks nie getan.
„fast ein bißchen gern“ heißt, daß Sie alles dafür getan haben, daß Sie jedermann für einen unausstehlichen Stinkstiefel hält, daß Ihnen das allerdings nicht bei jedermann so ganz gelungen ist.
@JFG
Es kommt immer auf die Perspektive an. Wat dem een sin Elefant is dem aanern sin Maus. Sie haben politische Interessen, aber ich arbeite als Wissenschaftler. Das ist naturgemäß eine andere Perspektive. Das heißt nicht, daß ich Ihre Perspektive nicht nachvollziehen könnte, aber es ist nicht meine. Ich kann die Welt nicht zwei Teile spalten und dann sagen, entweder ist man für oder gegen mich. Natürlich habe ich politische Meinungen, und natürlich komme ich aus der marxistischen Bewegung. Ich bin – wahrscheinlich im Gegensatz zu Ihnen allen – damit aufgewachsen, meine Eltern waren beide studierte Ökonomen in der DDR, ich konnte Kapital sagen, bevor ich Schlüsselbund sagen konnte. Aber erstens hindert mich das nicht daran, an den Stellen, wo der Marxismus nicht haltbar ist, es durchaus besser zu wissen, und zweitens ist die politische Haltung – wie ich bereits schrieb – etwas, das aus den Bedürfnissen der Menschen folgt, also subjektiv bedingt ist. Ich schätze Freiheit und Gleichheit im selben Maße, aber mein liebstes Ideal ist einmal die Gerechtigkeit, und die Gesellschaft, in der ich leben möchte, ist diejenige, die ein Höchstmaß an Gerechtigkeit bietet. Eine Gesellschaft, in der der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital das tragende Element ist, kann diesem Anspruch nie gerecht werden. Nur, das sind Geschmacksfragen, und ein anderer könnte gut daherkommen und die Akzente anders setzen. Was ich sagen will, ist: In dem Moment, in dem ich wissenschaftlich arbeite, geht es um die Erkenntnis, was der Fall ist, und da ist die Parteilichkeit zweitrangig, da darf sie mir nicht dazwischen kommen, weil ich sonst in dem, was ich tue, nicht gut wäre, und ich bin sehr gut darin. Also beurteile ich auch die Gegenstände, mit denen ich zu tun habe, in erster Linie danach, wie nützlich sie für meine Arbeit sind, welche Chancen für gute Leistungen sie bieten.