Zur Verfilmung von McCarthys Straße

„Therefore behold, the days come, saith the LORD, that this place shall no more be called Tophet, nor The valley of the son of Hinnom, but The valley of slaughter.“ (Jeremiah 19:6)

Ein Mann und sein nach dem atomaren Holocaust (oder einem Meteoriteneinschlag? – egal!) geborener Sohn gehen gen Süden zur Küste, um überhaupt ein Ziel zu haben, der Vater trägt einen Colt mit zwei Patronen mit sich, um im Notfall ihr Leben beenden zu können, statt etwa qualvoll verhungern zu müssen. Die Mutter ist aller Wahrscheinlichkeit nach bereits seit mehreren Jahren tot, genauso wie die gesamte Pflanzen- und Tierwelt. Lebensmittel sind also rar, besonders deswegen, weil die beiden zu den „Guten“ gehören und das „Feuer bewahren“ wollen, im Gegensatz zu den allermeisten übrigen Überlebenden, die längst zum Kannibalismus übergegangen sind und/oder bewaffnete Räuberbanden gebildet haben. Extremer Mangel und absolut berechtigtes Mißtrauen bestimmen das Handeln der letzten Menschen, beim Vater kommt noch eine gehörige Portion religiöser Irrsinn mit dazugehörigem Moraldreck hinzu, den er an seinen Sohn, den er für das „Wort Gottes“ halten will, weitergibt. Dazwischen wird ab und an eine Rückblende eingestreut, die Kleinfamilie wird komplett gezeigt. Die Mutter wollte sich am liebsten mit dem Kind umbringen, um ihm das Elend postzivilisatorischer Zeiten zu ersparen, sie wollte „nicht nur überleben“. Anders der Vater, der sich im Laufe des Films immer weiter von seiner rudimentären Moral entfernt und nicht nur in bedrohlichen Situationen tötet, sondern einen Wehrlosen dem sicheren Kälte- und Hungertod überlässt, indem er ihn noch seines letzten Besitzes beraubt. Bevor die Entfremdung zwischen dem Sohn, der sich gebärdet wie das Gute in Person, und ihm unüberbrückbar wird, stirbt er gerade noch rechtzeitig. Das Kind trifft augenblicklich auf eine neue, gute Familie (Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Hund, was sonst?), man hat vorher noch das erste wildlebende Tier, einen Käfer, also neues Leben gesehen, die Zukunft schaut gar nicht mehr so schrecklich aus. Der Film ist vorbei.

Was The Road zu einem schwer erträglichen Film macht, ist mitnichten die (wie aufgezeigt nur scheinbare) Hoffnungslosigkeit, sondern im Gegenteil der Mangel an Welt- sowie Religionsuntergang. Die Botschaft des Films wird raunend deutlich gemacht im Gespräch mit einem alten Mann, der nicht zufällig den Namen genau jenes Propheten verpaßt bekommen hat, der vor dem Erscheinen des Messias wieder auftreten soll. Sei brav, sei gut, dann wirst du Gott. So wie der Junge eben. Wären da nicht die postapokalyptischen Zuständen angemessenen trostlosen Landschaftsaufnahmen inklusive verfallender Reste der Errungenschaften vergangener menschlicher Kultur mit zwei kleinen verlorenen Männchen mittendrin, man könnte sich den Film ganz sparen und den behämmerten Christenscheiß gleich im Original lesen (also die Bibel, 1. Teil, dort nach der Geschichte mit Elija suchen, Fortsetzung dann im Neuen Testament).

Lobenswert wäre der Film gewesen, würde er konsequent eine zerstörte Welt zeigen, in der die Letzten ohne Sinn weitermachen, nur um eben weiterzumachen, weil sie ansonsten auch bloß noch sterben könnten. Wollte man unbedingt Moralisten zeigen, wäre es nur richtig, auch deren Scheitern schonungslos zu zeigen. Moral hilft eben nicht gegen Hunger, Verletzungen und Krankheiten. Alle wären gleich am Ende, im Grunde sogar nach dem Ende. The Road ist also nichts als katholizistischer Düsterkitsch, der in Krisenzeiten eine gegen Zivilisation, also kollektiv organisiertes Leben, gerichtete Botschaft verbreitet. Moralisch einwandfreies Überleben als Weg zur Erlösung wird gepredigt, somit also mal wieder nichts anderes als Antikommunismus. Emmerichs 2012 war zwar ähnlich bescheuert, aber da hat’s wenigstens leinwandtauglich gerummst und gekracht. Melancholische Träumer mögen sowas natürlich nicht, für die ist The Road denn auch gedreht worden.

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