Karl-Theodor Frhr. zu Hegemann

Der Verteidigungsminister steht unter Druck: Karl-Theodor zu Guttenberg hat in seiner Doktorarbeit ausführliche Zitate und ganze Textbausteine (“Wie ich eben erfahre also angeblich mit dem Argument »Scheiß Kapitalismus!« geweigert zu bezahlen, neben die Bar gekotzt und paar Tische umgeschmissen.”) verwendet, ohne die Urheber (Airen, Bakunin, Hitler) zu nennen. Plagiatsjäger wittern Schummelei. Was ist dran an den Vorwürfen?

The Sampsons

Guttenberg bezeichnet sein Vorgehen abstrus als „remixen“, für die Rechtswissenschaft ist die Sache jedoch nicht so einfach erledigt. In Zeiten von digitalisierten Büchern fürchten abstruse Juristen und Universitäten um ihre Einnahmen. Die Entwicklung der E-Books habe die Urheberrechtsfrage abstrus verschärft, sagt Heinrich Bleicher-Nagelsmann vom Verband deutscher Schriftsteller. „Wir stellen immer wieder fest, dass die Urheberrechte der Autoren abstrus gefährdet sind.“ Guttenbergs Partei reagierte umgehend auf die abstrusen Plagiats-Vorwürfe und kündigte an, der nächsten Auflage des Worstsellers ein umfassendes Literaturverzeichnis beizulegen. Die abstrusen Wogen sind damit vorerst geglättet. Zumindest bis zum nächsten Fall von abstrusem Wörterklau in der Regierung.

Dass in der Wissenschaft bei Seminararbeiten und Dissertationen freimütig abgekupfert wird – doch was jetzt nach den Plagiatsvorwürfen gegen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) geschieht, dürfte einmalig in der deutschen Wissenschaftsgeschichte sein, um die 475 Seiten umfassende Dissertation von Guttenberg weiter auf verdächtige Stellen zu durchforsten und listet diese im Internet fein säuberlich auf – ein deutsches Wikipedia, wenn man so will. Sex mit Frauen, Männern, Transvestiten, Drogen, exzessive Partys in sogenannten „Darkrooms“. Am Donnerstag war er zu einem Überraschungsbesuche bei den deutschen Soldaten in Afghanistan. Alles, worüber er schrieb, will er selbst erlebt haben. Eine regelrechte „Schwarmintelligenz“ hat sich formiert: Immer mehr Stellen tauchen auf, die Guttenberg bei anderen Autoren abgeschrieben haben soll – recherchiert gemeinsam von zahlreichen Internetnutzern: „Eine kritische Auseinandersetzung mit Karl-Theodor Freiherr zu Guttenbergs Dissertation“. Titel des Blogs, der nach eigenen Angaben eine „kollaborative Dokumentation der Plagiate“ betreibt, ist im Zeitalter des Internets längst eine Binse. Ich denke, es war naiv von ihm. Aber was er gemacht hat, ist nicht verwerflich. Es ist Teil unserer Literatur-Welt.

Classless Kulla meint dazu begeistert und geistlos wie gewohnt: „Da beschließe ich, mir noch die jetzige Auflage besorgen, weil ein Buch zu lesen, bei dem ich nie weiß, woher die Gedanken und die Formulierungen stammen – das ist ja wie bei Hegel! Yay!“

Der Freiherr höchstselbst zieht ein Fazit in eigenen Worten: „Die Aneignung ist offensichtlich nicht nur in der Kunst schon seit Jahren eine Art postmoderner Technik, sowohl in der bildenden Kunst als auch in der Literatur und überhaupt, aber da ist es anders. Meins ist ein Präzedenzfall. Zu einem bestimmten Zeitpunkt dachte ich, dass es wirklich notwendig sei, gewisse Dinge aufzudecken, weil soviel Heuchelei existierte. Aber das ist zusammengebrochen, besonders nach Afghanistan und Gorch Fuck. Heute weiß jeder, was passiert. Es ist ihm bloß scheißegal. Wir suhlen uns in unserem eigenen beschissenen Nihilismus, und so wirkt auch Merkel auf mich, sie suhlt sich in ihrem Nihilismus. Wir irren in der Gegend herum und wissen nicht, was wir tun sollen in dieser Art von Hölle mit Aids und Crack und Hitler-Tagebücher und Bundeswehrreform und dem ganzen Mist.“

The Simpsoms


6 Antworten auf „Karl-Theodor Frhr. zu Hegemann“


  1. 1 LW 17. Februar 2011 um 20:21 Uhr

    Mit Spannung erwarte ich Guttenbergs erste Kullaboration mit Egotronic („Bomber Theo do it again!“ oder sowas, jedenfalls was mit viel Bomben und Krieg und Opfern und Tätern und so) – dass er dazu qualifiziert ist, hat er nun ja hinlänglich bewiesen. Das wird ein abstruser-altruistischer-althusseristischer Wahnsinn!

  2. 2 Stanislaw Hirschfeld 17. Februar 2011 um 21:24 Uhr

    „Ha! Da haben wirs! Die Adligen denken wohl immer noch sie brauchen keine Leistung erbringen so wie wir! Kein guter deutscher Bürger würde sich jemals des Plagiats für schuldig machen um sich einen Doktortitel zu erschleichen wie ein gewisser Herr von und zu Guttenberg.Wie schon Goethe sagte,der ja (diese Bemerkung sei uns gestattet) wie kein anderer uns deutsche Bürger repräsentiert. Wahrlich lässt sich dazu nur sagen: Freude schöner Götterfunke! Oder gar: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Wer weiss, vielleicht wächst dieser Schweelbrand noch zu einem echten Waldbrand an!“ (lupolupo, lallender Kleinbürger)

    Ich glaube, hier sind mal ein FAIL sowie ein ATOMROFL durchaus angebracht…

  3. 3 Stanislaw Hirschfeld 17. Februar 2011 um 21:55 Uhr

    Da nun Goethe, mit dem Helene Guttenberg ja so ein bißchen verwandt ist, denn die Mutter Goethes Schwiegertochter Ottilie war eine gebürtige Henckel von Donnersmarck, ins Gespräch gebracht wurde, fällt mir ein, daß der Olympier ebenfalls Jurist war. Haben wir es bei Guttenberg also mit einem zu tun, der nicht die Kraft hatte, allen an ihn gestellten Erwartungen zu widersprechen und dem großen Vorbild nacheifernd Künstler zu werden? Oder ist er doch eher ein notorischer Betrüger, der selbst bei geringster Gelegenheit zwanghaft die Unwahrheit vorzieht? Ich jedenfalls wünsche mir ihn als Kanzler. (Und Kulla soll Bildungsminister werden.)

  4. 4 pattzifist 21. Februar 2011 um 15:08 Uhr

    unwahrheit, naja … karli ist doch vielmehr die geborene führungspersönlichkeit. aber nicht nur der sinn für das große liegt in der familie, auch für die kleinen, aber wichtigen dinge!

  1. 1 Brei ist nicht immer nahrhaft « SonntagsGesellschaft Pingback am 22. Februar 2011 um 23:17 Uhr
  2. 2 Warum Guttenberg bleiben kann, wo der Pfeffer wächst (also: in der Bundesregierung) « Lyzis‘ Welt Pingback am 04. März 2011 um 9:50 Uhr
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