Archiv für März 2011

Immerhin kein Bolschewik

Felix Johannes Enzian hat ein Buch gelesen über den außerordentlich geistesgestörten Antisemiten und Kommunistenhasser Roman Fjodorowitsch Ungern von Sternberg, der – leider erst – 1921 hingerichtet wurde, und einen Artikel geschrieben, in dem er vorführt, wie man über ein solches Monster so schreibt, daß am Ende wie gewohnt die Bolschewisten als die allergrößten Oberarschlöcher dastehen.

Schritt 1: Obligatorische Verurteilung des Irren; Vermeidung der Anzeige wegen Volksverhetzung o.ä.

1a)

„Die Männer [des Baron Ungern-Sternberg] machen Jagd auf Juden und Bolschewisten. Alle Ergriffenen, auch Frauen und Kinder, werden ermordet.“

1b)

„Die Weltanschauung des von Hause aus lutherischen Barons soll ein „auf Ausrottung abzielender Antisemitismus“ mit einem apokalyptischen Mischmasch aus russisch-orthodoxen und schamanisch-buddhistischen Vorstellungen gewesen sein. Insbesondere jedoch charakterisiert Palmer ihn als Psychopathen mit Neigung zu einem asexuellen „formalisierten Sadismus“. Mehrfach wurde Ungern-Sternberg in jungen Jahren wegen Übergriffen auf Kameraden aus zaristischen Regimentern entlassen. Der Erste Weltkrieg auf Seiten der Russen brachte ihm hohe Auszeichnungen für rücksichtsloses Draufgängertum ein. „Mitten im Gemetzel blühte er auf“, beschreibt der Autor diese bösartige Selbstfindung.

Schritt 2: Einordnung in die Zeitumstände; Ursachenforschung; Verständnis zeigen

2a)

„Die Unerbittlichkeit des Bürgerkriegs dürfte zur Verrohung des Barons beigetragen haben.“

2b)

„„Die meisten russischen Befehlshaber, gleichgültig, ob sie zur bolschewistischen Roten Armee gehörten oder zu deren Gegnern, den Weißen, waren üble Typen, die kein Problem damit hatten, Tausende von Bürgern niederzumetzeln“, konstatiert Palmer.“

Schritt 3: Unbeschadet zurück zum geliebten Feindbild; Verdammung durch Vergleich

3)

„Die späteren Massaker der Sowjets in der Mongolei überboten noch das Terrorregime des Barons.“

Voilà, fertig ist der Ernst Nolte für Bitterarme!

Feliks Dserschinski

Hirnforschung für Hirnlose

„Gefühlsverletzungen und körperlicher Schmerz erzeugen ähnliche Empfindungen, weil sie in denselben Hirnregionen verarbeitet werden. Das schließen US-Forscher aus Hirnscans von Probanden mit Liebeskummer. Der Gedanke an den emotionalen Misserfolg erzeugt demnach in denselben Bereichen Hirnaktivität wie die Erfahrung physischer Schmerzreize.“ (wissenschaft.de)

Man ist im ersten Moment versucht zu höhnen über die Sinn- und Nutzlosigkeit einer Hirnforschung, die nur beweist, was jeder schon an sich selbst beobachtet hat. Doch das sollte man nicht tun, denn dann entgeht einem die Möglichkeit zu erkennen, was diese Meldung wirklich meldet: Derart banale Ergebnisse sind einen Artikel auf einer Seite, die über Wissenschaft berichtet, nur wert, da das, was sie belegen und was eigentlich keines weiteren Belegs bedarf, anscheinend schon wieder so unbekannt, so sehr verschüttet wurde, daß sie nur als Neuigkeit wahrgenommen werden können von den abgestumpften gefühl- und damit leidfreien Zombiefressen, denen ihre Sprache, die eben längst nicht mehr ihre, sondern eine ihnen gänzlich fremde ist, weil sie weder wirklich sprechen können noch etwas zu sagen hätten, wenn sie wollten, so rätselhaft erscheint, daß sie darauf hingewiesen werden müssen, daß „sich negative Gefühlserlebnisse in den meisten Sprachen in entsprechenden Redewendungen widerspiegeln“.

Nazis

Nationalsozialisten definieren sich heutzutage als links, wenn sie zum Boykott Israels aufrufen:

„Linke in Der Linken und der Bewegungslinken sollten Pseudo-Linke identifizieren und als Pseudo-Linke kenntlich machen.“ (geistig prekaer, via woschod)

Vielleicht mit gelben Sternen?

Späte Lehre

„Die Volkssolidarität ist die einzige Massenorganisation der DDR, die bis heute als größter Wohlfahrtsverband in den ostdeutschen Bundesländern fortbesteht. Hans Feldmann ist verbittert. Und enttäuscht. „50 Jahre lang war ich Mitglied in der Volkssolidarität. Die waren immer da, auch nach der Wende noch. Ich habe denen vertraut!“, sagt er. Jetzt ist auch sein Sterbegeld futsch und der gemeinnützige Verband teilt ihm nüchtern mit, dass er ihm leider nicht helfen könne.“ (Zeit)

Hans Feldmann lernt nun auf die harte Tour, was eine Konterrevolution ist. Vielleicht. Denn die letzten 20 Jahre hat er dafür eigenartigerweise nicht genutzt. Ein Glück, daß es die Zeit gibt, bei der er sich jetzt über die letzte noch bestehende „Massenorganisation der DDR“ ausheulen kann. Damit am Ende womöglich der charakterdeformierende Sozialismus schuldig gemacht werden kann.

Andere Länder, andere Sitten

„[Der Tepco-Vorstandsvorsitzende Masataka] Shimizu hatte sich seit dem 13. März, zwei Tage nachdem Beschädigungen am Atomkraftwerk bekannt wurden, nicht mehr öffentlich geäußert. Kenner des Landes wissen, dass die Flucht in Krankmeldung ein von Spitzenmanagern gern gewählter Weg ist, sich ihrer Verantwortung zu entziehen.“ (FAZ)

Was nur aus dem guten, alten Seppuku geworden ist?

Seppuku

Scheiß Weiber

„Am 1. März hat der Europäische Gerichtshof beschlossen, dass Frauen auf ihre Ersparnisse höhere Zinsen als Männern zu gewähren seien. Dieses denkwürdige Urteil lenkt den Blick auf die zunehmende Zahl der Ungleichheiten zuungunsten von Männern, die allmählich stärker in den Blick gerückt werden sollten, wenn es um Fairness und Gleichheit der Geschlechter geht.“ (Jens Alber)

So prangert ein tapferer Männerrechtler an, einsam und geknechtet im Land der Amazonen (Schavan! Aigner! Leutheusser-Schnarrenberger! Schröder! von der Leyen! Merkel! Und die Olle vom Guttenberg!), nur um’s gleich wieder zurück zu nehmen, weil’s natürlich nicht stimmt und selbst er das weiß. Aber es empört sich so viel leichter, als wenn man nur sagte, daß Frauen und Männer in Zukunft von Versicherungen gleich behandelt werden müssen, auch wenn Frauen im Durchschnitt länger leben als Männer, was einem entmannten Gerechtigkeitsfreak wie Alber mächtig stinkt. Aber was jetzt? Männer am Rauchen und Saufen hindern? Frauen den Arzt verbieten? Oder doch besser rechtzeitig erschießen? Sag doch mal, Alber.

Honeckers Ägypten

Als kürzlich die Zentrale des ägyptischen Geheimdienstes gestürmt wurde, entblödete sich die Online-Ausgabe des Spiegel nicht, von „Mubaraks Stasi“ zu fantasieren, ohne darauf zu verzichten, im gleichen Artikel Aufständische zu zitieren, die von „Mubaraks Gestapo“ gesprochen haben sollten. Man war sich offenbar nicht ganz sicher, was Mubarak vorzuhalten sei, Faschismus oder Sozialismus, und entschied sich daher kurzerhand für beides.

Die verworrene Lage ist gottseidank nun klarer:

„Wie die DDR stützte sich die Diktatur in Ägypten auf einen starken Geheimdienst. Die Jahn-Behörde berät nun die ägyptische Reformbewegung beim Kampf um die Akten.“ (Zeit)

Nebenbei X

Warum die Junge Welt eine unerträgliche Misthaufenzeitung ist?

Wegen Wiglaf Droste.

Der einzige Unterschied

„Karl-Theodor zu Guttenberg befindet sich eigentlich in guter Gesellschaft. Egal ob Goethe, Büchner, Heine, Brecht oder Thomas Mann – sie alle haben sich bei anderen bedient, ohne auch nur eine einzige Fußnote zu setzen. Mit dem Unterschied allerdings, dass sie dies als Künstler taten, nicht als Wissenschaftler.“ (dpa/Christoph Driessen/memo)

Der kommende Aufschwung

„[Der japanische Premierminister Naoto] Kan erwartet, dass Japan nun einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben werde wie die Vereinigten Staaten unter dem «New Deal» von Präsident Franklin Delano Roosevelt in den dreißiger Jahren. Das Erdbeben werde schon bald durch den Wiederaufbau in den betroffenen Regionen große Nachfrage schaffen. Wie die Nachrichtenagentur Kyodo berichtete, forderte der Premier die Bevölkerung auf, die Wirtschaftslage weniger pessimistisch zu sehen.“ (dpa am 13.03.2011)

Die nur scheinbar völlig irrationale Lust am Untergang speist sich aus dem Wissen, daß die Katastrophe immer auch Chancen hervorbringt. Der Deutsche mag sich erinnern: Wenn es für heldenhafte Trümmerfrauen, für goldene Wirtschaftswunderzeiten eben Trümmer braucht, dann darf das Unglück fiebrig herbeigesehnt werden. Die drohende Apokalypse wird zur sehnlich erwarteten Bedingung der Besserung, Gebrauchswerte stören viel eher als Mangel an ihnen. Die letzten Tage der Menschheit sind eigentlich die Vorwehen der Herrschaft des Prinzips totaler Verzombieierung.