Sozialdemokratie aktuell

Was nicht in der Zeitung steht:

„Thilo Sarrazin ist so stark, seine Partei so schwach wie nie. Die SPD leidet weiter an ihrem Provokateur, der eigentlich ihr Star sein könnte.

Dass die SPD Thilo Sarrazin nicht loswerden wollte, tut einigen in der Partei weh. Die Älteren Schmidt und von Dohnanyi hingegen haben immer davor gewarnt, den Bestseller-Autor aus der Partei auszuschließen. Denn sie hätten die nächsten sein können. Schauen wir also auf die Partei, der sogar die Werbefirmen den Vertrag kündigen, weil sie nicht mehr wissen, was sie in der nächsten Bundestagswahl überhaupt bewerben sollen. Und ob sie das, Stichwort Volksverhetzung, überhaupt dürften.

Dann könnte man glatt sagen: Wenn die SPD jemandem Aufmerksamkeit und Profil zu verdanken hat, dann Thilo Sarrazin. Und eben nicht Gabriel oder Nahles oder Steinbrück oder Steinmeier. Eine Reichs- und Volkspartei, so Helmut Schmidt, müsse auch für Ausländer, Juden und Arbeitslose schmerzhafte Debatten aushalten.

Und schmerzhafte Personen. Denn ein leichter Fall ist der ehemalige Bundesbanker und Finanzsenator Berlins nicht. Der Erfolg seines Buches hat ihn wohl auch überrascht. Die folgenden Zeiten waren hart für ihn, aber auch wie ein Rausch. Ein Nazi on Speed.

Er hat die Anfeindungen überstanden, da ihm aus Parteibasis und in der breiten Bevölkerung viel Zustimmung zuteil wurde. Den Kauf seines Buches konnte man fast als Akt volksgemeinschaftlichen Ungehorsams betrachten gegen eine Politik, die nie in der Lage war, sich kritisch und tatkräftig mit Fehlentwicklungen in bestimmten sozialen und kulturellen Milieus, auch und vor allen muslimischen, zu befassen. Dabei hatte nach der Reichswiedervereinigung alles so hoffnungsvoll begonnen

Nicht alle manchmal (angeblich) hölzernen Thesen und (eigentlich nicht) skurrilen Passagen des Buches fanden Anklang, wohl aber die rührenden Stellen über die Bedeutung vom Fehlen jeder Bildung, auch in seinem Leben. In erster Linie schätzten die meisten Leser (z.B. Westerwelle) seine Kritik am ausufernden Sozialstaat, der Gutes wolle und doch oft nur das Gegenteil dessen bewirke: Stagnation und Passivität und spätrömische Dekadenz.

Es war wichtig, dass eben kein Faschist diese Kritik aussprach, sondern ein Sozialdemokrat. Jeder kennt seinen Namen. Statt Stachel der SPD könnte Sarrazin also Star der NPD sein. Ist er aber nicht. Die Parteien hadern weiter.

Gerade hat Klaus Bade, Migrationsforscher, ihn erneut als „Brandstifter“ bezeichnet. Doch längst ist die Skandalisierung Sarrazins gescheitert, denn er war damals gar nicht in Hoyerswerda, sondern im Urlaub. Auf Blitzbesuch in Polen. Deutschland ist mitnichten „vergiftet“. Jedenfalls nicht von Sarrazin. Wenn, dann von diesen Brunnenvergiftern. Das einig deutsche Vaterland ist ein bisschen einiger, ein bisschen deutscher geworden. Nicht trotz, sondern dank Sarrazin. Nicht mit, sondern gegen die Gemüsehändler und Kopftuchmädchen.“

Der Stachel und die Gemüsehändlerstochter


1 Antwort auf „Sozialdemokratie aktuell“


  1. 1 Henrik 12. Mai 2011 um 17:40 Uhr

    Endlich mal ein gut zu lesender Ein […]

    trag, vielen Dank. Muss man sich nochmal in Ruhe durchlesen. Generell finde ich diesen Blog leicht zugaenglich.

  2. Danke für Dein Lob, lieber Spambot Henrik!
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