Archiv für Oktober 2011

Schlimm, aber alternativlos: Hungernde Kinder

Experte Wolfram Hartmann ist Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. In dieser nicht sonderlich alarmierend klingenden Funktion teilte er mit, „dass etwa 500.000 Kinder in Deutschland regelmäßig nicht ausreichend ernährt werden und immer wieder Hunger leiden“. Das dürfe seiner Meinung nach, er ist ja immerhin ein guter Mensch, nicht sein. Um das, was ist, zu dem machen zu können, was sein soll, wenn’s mal nach Hartmann geht, betrieb er Ursachenforschung und fand etwas heraus. Nicht bloß der Wahnsinn, Menschen mitsamt ihren Kindern in Armut zu zwingen und zu halten, nein! auch die Armen selber seien verantwortlich zu machen, denn sie beharrten widerborstig und dekadent auf dem Erwerb von Luxusgütern wie ausgerechnet Limonade, auf die sie nun wirklich keinen Anspruch hätten, worin sich „die Inkompetenz etlicher Familien, mit Geld zu haushalten und Kinder adäquat zu ernähren“, äußere, die leider viel zu oft verschwiegen würde, gäbe es den tapferen Hartmann nicht.
Diese Aussage muß mehrfach bedacht werden, bis ihre ganze Scheußlichkeit klar wird: Gerade die Familien, die bekanntermaßen kaum mehr als gar kein Geld haben, werden für ihr angebliches Unvermögen gescholten, mit dem Geld, von dem sie beinahe nichts besitzen, umgehen zu können! Als gäbe es nicht so etwas wie verbindliche und im Steigen begriffene Preise, die selbst Meisterrhetoriker nicht klein oder wenigstens kleiner quasseln könnten! Als hieße Existenzminimum etwas anderes als es nunmal heißt: gerade so noch so tun können dürfen als gehöre man trotz allem, was fehlt, und das ist beinahe alles, und dem anhaltenden Magenknurren, das beim Einschlafen auf der acht Jahre alten zerlegenen Matratze stört, noch zu der Gesellschaft, die sich einen wie Hartmann herangezogen hat, wenn’s auch längst schon nicht mehr stimmt.
Und mal die unterstellte Inkompetenz für existent halten, worin unterschiede sich das dann noch davon, entweder die mit unfassbarer Blödheit wohl identische Fahrlässigkeit (ergo: sträflichste Inkompetenz) oder die Bösartigkeit einer Gesellschaft anzuerkennen, die „bildungsferne Familien“ mit genau so viel Geld ausstattet, daß es denen partout nicht reichen kann, weil sie eben bildungsfern = INKOMPETENT sind. Es kommt also zweimal das selbe heraus:
Die Armen sind arm, weil sie’s sein sollen, denn die arbeitenden Klassen sind umso erpressbarer, desto miserabler die Lage der drangsalierten und gedemütigten, im Elend gehaltenen Reservearmee. Wenn das hungernde Kinder bedeutet, dann muß das so sein, dann ist das alternativlos, denn Kapital will akkumulieren, Punkt. Und daraus folgt zweierlei: Die Bestie ist die Klassengesellschaft, der Kreidefresser Hartmann gibt der Bestie Stimme. Und Experten sind das speichelleckende Gekreuch am fauligen Maulwinkel des verwesenden Kapitalismus.

Gut Ding hat Dauer: Die Simpsons machen weiter

the simpsons logo

Nachdem Fox den Lohn der Simpsons-Sprecher um 45% kürzen wollte, um die Serie fortzusetzen, einigte man sich nun auf eine Senkung auf 70% des bisherigen Gehalts. Die Staffeln 24 und 25 können also freudig erwartet werden. Daß aber überhaupt eine Kürzung dieser Größenordnung erduldet werden musste, ist Folge einer Unverfrorenheit, die nur auf Fox‘ grundsätzliche Abneigung Wahrheit gegenüber rückführbar ist, handelt es sich bei „The Simpsons“ doch um das Projekt zur genauesten Erfassung der gegenwärtigen Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen in feindlicher, fortschrittlicher Absicht, aus jener objektiven Perspektive unternommen, die nie aus Distanz, immer nur teilnehmend möglich ist, das sich nie in bloßer Negation und damit bloßer, auf rebellisch zurechtgemachter Affirmation erschöpfte wie die ach so ähnlichen, angeblich witzigeren, bissigeren, den Zeitgeist verkörpernden (und damit in Wirklichkeit halt nur: witzlosen, klamaukigen, reaktionären, bewußtlosen) Serien „Family Dad“ oder „American Guy“. Trennen mag man sich bei Fox vom gelben1 Goldesel natürlich nicht, das wäre nicht im Interesse des Geschäfts. Den mit der Herstellung großartiger Unterhaltung Beschäftigten, Unterhaltung verstanden nicht als das Bewußtsein einschläfernd, sondern im Gegenteil erfrischend, das Leben ein wenig schwerer zu machen, zeigen, wie wenig Wert ihre Arbeit hat, wie gering die Anerkennung ihrer einzigartigen Leistung, sie von ihrer Tätigkeit ablenken mit beschämenden Manövern, das kann Fox dennoch und tut es. So lassen sich ein paar Dollar sparen, ein paar Angestellte erniedrigen, ohne das Feigenblatt der ordinären Sozialkritik zu verlieren, als das die Simpsons wenigstens hierzulande in der Regel fehlinterpretiert werden. Dementsprechend freut man sich im SPIEGEL ONLINE Forum nicht über zwei weitere Staffeln, man zeigt sich nicht empört über die Maßnahmen von Fox, nein, man prügelt stattdessen auf das Beste, vielleicht sogar einzig dauerhaft Gute ein, das je fürs Fernsehen gemacht wurde. Weitgehend einig ist sich der Kommentatorenpöbel in der Feststellung, die Simpsons hätten ihre besten Tage lange hinter sich, denn sie seien mittlerweile zu freundlich, zu idiotisch, zu öde, zu kommerziell, Mainstream, würden zu häufig gesendet, es fehlten Biss, Subtilität und Authentizität, wohingegen die sogenannten Werke eines Seth MacFarlane reichlich Lob verdienten und Groening wohl als Maßstab zu gelten hätten. Die Begeisterung über geistlose Plagiate führt schließlich zur Forderung, die geldgierigen Stimmgeber der Charaktere zu ersetzen durch günstige Imitatoren, die im Falle steigender Ansprüche vermutlich ebenfalls im Sinne der als typisch amerikanisch geltenden Parole „hire and fire“ entsorgt werden könnten. Mißachtung außergewöhnlicher Leistung paart sich mit neoliberaler Asozialität und gebiert ein monströses Kind: den Fan des Zeitgeists, der, talentlos, wie er eben ist, lieber das Kapital in Form einer Corporation Geld sparen sieht als vom Kapital bezahlte Besondere überdurchschnittlich entlohnt. Er sehnt sich zurück nach dem Charme der unbeholfenen, detailarmen Zeichnungen, wie sie die Serie anfangs noch prägten, und gibt sich damit zu erkennen als Verächter von jeglicher Professionalität und Qualität, zunehmender vor allem, allgemein: von menschlichem Können. Damit: von Individuen. Wer was kann, soll sich bloß nix drauf einbilden. Jeder gilt als ersetzbar, was selbstverständlich als Drohung zu verstehen ist. Jeder hat gleich zu sein, nämlich gleich schlecht, gleich zwecklos, gleich verwendbar für den einzig gültigen Zweck, dern der Kapitalakkumulation. Sein Vorwurf, nach soundsovielen Staffeln sei alles erzählt, gezeigt, ausgedacht, weitere seien damit überflüssig, ist dementsprechend eigentlich ein sich gemein machen mit dem Status Quo, der sich nicht ändern darf, daher einerseits immer wieder aufs Neue wiederholt werden, andererseits im immer neuen Gewand erscheinen muß. Dauerhaftes2 ist ihm unerträglich, zerstört es doch die Illusion der Bewegung, die hervorgerufen wird durch ständiges Ersetzen von Gleichem durch Gleiches; wirkliche, nicht scheinbare Veränderung, Entwicklung darf nicht geschehen, muß aber simuliert werden, wie das Leben selbst. Gäbe es die Simpsons nicht, sie würden dringend benötigt, um den Zeitgeist und diese seine Anhänger zu schlagen. Es gibt sie, der Mob fühlt sich zu recht getroffen und heult. Die Leistung der Simpsons geht allerdings weit darüber hinaus, die Tölpelhaftigkeit der Masse der Zeitgenossen aufzuzeigen. Die Dumm- und Gemeinheiten, die den Spätkapitalismus im Großen wie im Kleinen kennzeichnen, machen nicht verdrießlich, wenn sie im Rahmen der Simpsons vorgeführt werden, ohne zu versöhnen stimmen sie heiter. So ergibt sich aus dem fortschreitenden Studium der Simpsons zweierlei: Die Zunahme der Kenntnis der Realität genauso wie der Bereitschaft, im Dienste der Vernunft innerhalb der Realität und auf diese zu wirken – vorausgesetzt, beides war schon vorher vorhanden, kommt von nichts bekanntlich nichts. Die Simpsons beugen damit ebenso der innerhalb des Irrsinns stets drohenden Verblödung und Erstarrung aufs Trefflichste vor. Das ist der wertvolle Beitrag dieser Fernsehserie, den sie seit 1987 zur kommunistischen Revolution leistet. Und glücklicherweise für mindestens zwei weitere, gewohnt ausgezeichnete Staffeln.

  1. Bitte nehmen Sie das Wortspiel auf dem Niveau des Spiegels freundlich zur Kenntnis.[zurück]
  2. Dauerhaftes verändert sich fortwährend, paßt sich an, reagiert, ist lebendig. Was unveränderlich ist, ist tot. [zurück]

Literaturnobelpreis: Warum nicht mal ein Lyriker?

„Am Rande des Zwischenraums / Atem, setzt aus, kehrt wieder / wie Wellen aus schäumender Luft“ (Tomas Tranströmer)

Herzlichen Glückwunsch!

Das T