Rede der Freiheit

„Nicht nur bei uns, sondern auch in Europa und darüber hinaus ist die repräsentative Demokratie das einzig geeignete System, Gruppeninteressen und Gemeinwohlinteressen auszugleichen.“ (Joachim Gauck, personifizierte Freiheit)

Anders kann der Pastor nicht reden, scheut er doch den Klassenbegriff wie der Teufel das Weihwasser. Die sinngemäße Übersetzung lautet: Die Herrschaft der besitzenden Klasse gelingt hier und jetzt, tendenziell jedoch immer und überall, am besten in Gestalt der sogenannten repräsentativen Demokratie. Das ausgebeutete Proletariat, dem irgendwann im letzten Jahrhundert noch „die Autos, die Kühlschränke und all der neue Glanz einer neuen Prosperität“ (J. Gauck) auf wunderbare Weise geschenkt wurden, darf Beglückung durch Ehrhabeneres erwarten. Schnödes „Geld oder Gut vererben“ zu können darf zwar sowenig als wahrscheinlich gelten wie überhaupt Reichtumserwerb, doch das wertvollste Gut ist ohnehin kein materielles. Nichts geringeres als das höchste Ideal ist „Lebensthema“, die Freiheit, die alle Deutschen unter ihrer Fahne einen soll. Dafür plädiert das neue Staatsoberhaupt in erster, vielleicht auch letzter Linie. Es benötigt dafür allenfalls 64 Seiten, es ginge jedoch deutlich kürzer. Freiheit, Freiheit über alles, über alles in der Welt. Amen.

gauckfreiheit

Indes wäre zu klären, weshalb einer, der immerzu das selbe Wort im Munde führt, worüber er auch jeweils sprechen mag, ausgewählt wurde, an der Spitze dieses Staates zu repräsentieren, was alles so repräsentiert werden muß, damit Gewalt und Geschäft nicht gestört werden durch gewisse Gruppeninteressen, die korrekt zu benennen bereits den Verdacht der Staatsfeindlichkeit erregte. 2010, beim ersten Anlauf auf Schloß Bellevue, erklärte der jetzige Kopf des ideellen Gesamtkapitalisten:

„Ich sehe den großen Wert einer pluralistischen Parteienlandschaft auch darin, dass wir die Möglichkeit haben, politisch einmal den einen und dann wieder den anderen Wert stärker zu betonen. Wenn ich heute die Freiheit so betone, dann meine ich übrigens auch die Freiheit der Wirtschaft. Auch sie gehört zum demokratischen Gesamtkunstwerk.“

Mehr braucht im Grunde keiner zu lesen, um zu begreifen, warum Gauck den geeignetsten Kandidat darstellte, der auffindbar war. Seine Botschaft ist so einfach wie die Quintessenz des Sozialkundeunterrichts. In der bürgerlichen Demokratie finde jeder seinen Platz, woran auch immer er glaube woher auch immer er komme, was auch immer er anstrebe. Möglich macht das – die Freiheit. Komplexer wird’s wirklich nicht mehr. So ist Gauck womöglich der letzte Versuch, angesichts der als Weltwirtschaftskrise bezeichneten Bewegungen des global agierenden Kapitals und darauf folgenden Maßnahmen der nationalen Regierungen, den wiederum auf beides reagierenden Massen (wie theorie- und folglich harmlos i.d.R. auch immer) sowie den in Herrschafts- und Herrschaftspersonalkreisen zu befürchtenden künftigen Gedanken und Handlungen, also des Für-sich-Werdens der proletarischen Klasse, deren Name zu nennen sich verbietet, die antagonistischen Gegensätze auf bürgerlich-demokratische Weise verschleiert zu belassen. Andernfalls, bräche sich das Bewußtsein dieser Gegensätzlichkeit Bahn, wäre der offene Faschismus an der Reihe, es durch Ersetzen von Klasse mit Rasse oder irgendeiner anderen monopolverträglichen Widerlichkeit umzuleiten ins vollends Entzivilisierte. Erstmal aber: Gauck, Freiheit, eine Gesellschaft für alle, auch Wegbereiter jener faschistischen Option vom Schlage Sarrazins, deren Ideologie vorerst als legitime Meinung gehegt wird, bis die Beliebigkeit der Meinungen der verpflichtenden Treue zu Volk, Reich und Führer den Platz räumen muß, beziehungsweise fast alle, den „Fanatikern, Terroristen und Mordgesellen“ jeglicher denkbaren Orientierung ist die Teilhabe selbstverständlich (weitgehend) zu verwehren, wenn sie sich zu plump gebärden oder keinen zukünftigen Nutzen versprechen, da hört die Freiheit dann auch einmal auf. Gauck ist eben ein Sozialkundelehrer. Was er lehrt, widerspricht, wie Sozialkundeunterricht naturgemäß immer in dieser Bundesrepublik, grundlegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen, die weitaus klügere, klar denkende und schreibende, mit freiheitlichen Staatsoberhäuptern unverwechselbare Köpfe erarbeitet haben, als da etwa wären:

„Als Klassen bezeichnet man große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem (größtenteils in Gesetzen fixierten und formulierten) Verhältnis zu den Produktionsmitteln, nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und folglich nach der Art der Erlangung und der Größe des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen. Klassen sind Gruppen von Menschen, von denen die eine sich die Arbeit einer andern aneignen kann infolge der Verschiedenheit ihres Platzes in einem bestimmten System der gesellschaftlichen Wirtschaft.“ (Lenin Werke 29)

„Welche Klasse die Macht in den Händen hat, das entscheidet alles.“ (Lenin Werke 25)

Weiteres nachzulesen empfiehlt sich, allerdings ist zu beachten, daß die kommunistischen Klassiker, wollten sie zugänglich machen, was sie dachten, in einem der vielen Gegensätze zu Gauck mit 64 Seiten leider nie ausgekommen sind.


3 Antworten auf „Rede der Freiheit“


  1. 1 Unionist 27. März 2012 um 17:26 Uhr
  2. 2 Stanislaw J. Hirschfeld 06. April 2012 um 14:55 Uhr

    „Der Fetisch der Freiheit bedarf gesellschaftlich realer, machtvoller Führungs- und Durchführungsorgane, damit er nicht aus einer ideologisch wirksamen und darum gesellschaftlich wichtigen Zierde in eine hohe Phrasenhaftigkeit versinke. Dieses Durchführungsorgan, dessen Tätigkeit die jeweils entscheidenden Interessen der wichtigsten Monopolgruppen zum im Notfall faktischen Erfolg verhilft, ist der CIA. Er dirigiert letzten Endes – von Südamerika bis Vietnam – »die Verteidigung der Freiheit« seitens der USA; er ist es, der diesen Freiheitsinteressen auch innenpolitisch den Sieg sichert. Man denke an die Ermordung der beiden Kennedy, an die von Martin Luther King.“ (Georg Lukács)

    Hat Gauck einen CIA?

  1. 1 Mondschein: Robert und der Klassenlehrer Pingback am 24. März 2012 um 20:09 Uhr
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