Archiv der Kategorie 'Totale Begriffslosigkeit'

no party

Werte Leserschaft,

der Herbst ist keine angenehme Jahreszeit. Kaum hat man begonnen, sich an sommerliche Temperaturen zu gewöhnen, verfärben sich schon wieder die Blätter, die Füße werden nachts kalt und Schnupfen und andauernde Müdigkeit plagen uns, während sich die letzten Mücken in die halbwegs warmen Räume flüchten, um ein letztes Mal zuzustechen. Damit läßt sich dank Rooibostee und dem neuen Album von Interpol gut leben, mit den Feiertagen allerdings nicht. Um den 11. September herum muß man sich fernhalten von Zeitungen und Fernsehgeräten, wenn man einstürzende Hochhäuser nicht irgendwie geil findet oder an Amnesie leidet und nicht jedes Jahr aufs Neue von Neonazis aller Art („9/11 was a jewish job“, „Der Koran ist das Mein Kampf von heute“) mit ihren jeweiligen Dachschäden behelligt werden will, wobei einem dann das ein oder andere Witzige entgehen würde, zum Beispiel der komische Fundamentalist vom Ku-Klux-Klan aus Florida, dem wohl seine Halloween-Verkleidung geklaut wurde, so daß er nun statt Kreuzen eben lieber Bücher anzünden will, während er vor religiösen Eiferern warnt und lustigerweise nicht sich selber meint. In diesem Zusammenhang las ich die irrwitzige Behauptung von irgendeiner x-beliebigen Internet-Flitzepiepe, das viel zu häufig bemühte Heine-Zitat sei Thomas Mann zuzuschreiben und folgerichtig statt „man“ lieber „mann“ schrieb. Terry Jones hatte da jedenfalls aufmerksamer gelesen:

„Almansor: Wir hörten daß der furchtbare Ximenes,
Inmitten auf dem Markte, zu Granada –
Mir starrt die Zung im Munde – den Koran
In eines Scheiterhaufens Flamme warf!
Hassan: Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher
Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

Georg Seßlen musste auch was zu 9/11 loswerden, nämlich daß es sich um ein „Ereignis“ handele, das „man“ ganz eindeutig „nicht verstehen“, jedoch immerhin „integrieren kann“. Seßlens „man“ offenbart sein Begehren, alle mögen so bescheuert sein wie er, damit er in seiner schwafelnden Begriffslosigkeit bloß nicht allein bleibe. Lieber Schorsch, keine Sorge, alleine biste nicht.
Kaum ist nun der globale Feiertag des Irrsinns überstanden, steht nun der nationale vor der Tür. Massenverelendung, Angriffskriege und gesamtdeutsche Idiotie, hurra, olé, parteyparteypartey, usw. Die passende musikalische Untermalung könnten die Volksfreunde der Alley Cats liefern, oder gleich die Sportfreunde Stiller, am besten mit Star- bzw. Sterngast Mieze von der Happy-Blitzkrieg-Band Mia. Die Kanzlerin, die immer mehr an einen von einem sadistischen Friseur verunstalteten Bierkutscher erinnert, wird mal wieder was von der segensreichen Reisefreiheit daherlallen, was der restlichen Welt als Drohung vorkommen sollte. Übrigens verpasste Lilo Wanders anlässlich des wahllosen gestern auf Comedy Central gesendeten Einheits-South Park-Folgen-Aneinanderreihens Angela Merkel parodierend dieser den schönen zweiten bzw. siebzehnten Vornamen Gorbatschowa. Wer den Witz verstanden hat, darf sich gerne hier melden und bekommt ein freundlich lächelndes Smiley in die Kaderakte geklebt.

Druschba, Euer Stanislaw

PS: Am 3. Oktober Slime hören, das ist schnarchlangweiliger Punker-Konformismus.

wufdj

Der Meerwehrt

Was ist eigentlich mit den Schlagzeilen los? Der Papst wird nicht von Terroristen ausgeknipst, Seehofer und Haderthauer sterben nicht beim Autounfall und in China ist ein Sack Reis nicht umgefallen. Das ist derart fad, da scheint sogar Haderthauers Weblog („die moderne Kreuzung zwischen Internet und Logbuch“) mehr Spannung zu versprechen. Und tatsächlich, dort findet sich ein Satz, der nach Marx nur von einer hirnlosen Hülle verbrochen werden konnte, und dringend mal auf ein T-Shirt gedruckt werden sollte, for teh lullz.

„Gleichberechtigung ist Mehrwert denn Frauen sind anders gut!

Ein kleines bisschen Horrorschau

Eine weitere Folge der beliebten Serie „Deutsche Linke vorgeführt“:

„Agieren tut unsere Gruppe in ganz verschiedenen Dingen.“ (Fünf Provinz-Jusos)

Es ist eine liebgewonnene Beschäftigung, man besucht zur Belustigung diverse linke Weblogs und hat den Eindruck, den elenden Rotz schon tausendmal gelesen zu haben, etwa bei den Supertrotteln von aka. Die Augenlider werden schwer, man ist kurz davor, das Browserfenster zu schließen, den Computer auszuschalten und sich auf die Couch zu legen, um etwa in einem Bildband mit den schönsten Fotografien des Todesstreifens zu blättern oder sich Schirrmachers Zukunft im Sozialismus auszumalen, während Beethovens 5. Sinfonie daran erinnert, auch mal wieder über E.T.A. Hoffmann zu lachen. Doch da liest man abschweifenden Geistes einen Satz, an dem man hängenbleibt. Die müden Augen öffnen sich ungläubig, man liest ein zweites Mal. Und auch beim dritten Mal steht dort tatsächlich:

„Wir sind zwar mehr oder weniger der offizielle Jugendverband der Linkspartei, sind aber dennoch fähig, diesen schonungslos zu kritisieren, falls er Entscheidungen trifft, die wir nicht unterstützen.“

Das ist an Blödheit wirklich kaum mehr zu überbieten, jeder Versuch, den die Soltauer Schwachmaten unternehmen, scheitert zwangsläufig. Amüsant ist das ganze dennoch, linke Hippie-Langweiler demontieren sich am besten eben weiterhin selbst.

Die Rote

„Pop gehört aufs Majorlabel, Erfolg ist mir definitiv wichtig.“ (Eleanor Jackson)

Zum Irrsinn des Jetzt gehört die Idealisierung des Scheiterns oder gar völlige Anspruchslosigkeit wie Unfalltote zum Straßenverkehr, daher ist es umso angenehmer, wenn eine Künstlerin wie Elly Jackson, die mit Ben Langmaid La Roux bildet, sich dem Terror der untalentierten Unterdurchschnittspenner nicht anpaßt, sondern sagt, worum es zu gehen hat: Große Hallen füllen, abertausende Platten verkaufen und dem menschenunwürdigen Pseudoleben im Siff, das der ganz zu recht ewig unbekannte Antialleswasgutistpöbel als höchstes Gut anpreist, entgehen, sobald es denn möglich ist. Was Ms. Jackson als relevantes Kriterium für Pop angibt, ist etwas, das auch und gerade für alles Politische angestrebt werden muß, damit es real politisch und damit ökonomisch etc. wirksam wird. Erfolg will der vernünftige Kommunist haben, weil er sich und seine Interessen ernst nimmt, zu seinen Mitteln gehört Realpolitik, die das Gegenteil von Kritik darstellt. Nicht von ungefähr wird von Seiten des Debattier(anti)kommunismus gerne rumgeflennt, das sogenannte „Erfolgsargument“ gehöre sich nicht, denn wer etwas tut, macht sich schmutzig statt reine Kritik zu pflegen. Vor solchen Leuten müssen Revolutionäre sich hüten, denn die sind imstande, eine Revolution lieber zu verhindern und Marxisten-Leninisten-Stalinisten in den Rücken zu schießen, falls diese unaufmerksam sind, als sich der Gefahr auszusetzen, ausnahmsweise mal was erreicht zu sehen, das ihren hirngefickten Idealen natürlich nicht entspricht, da jeder im Aufbau begriffene Sozialismus notwendig nichtidentisch mit Kommunismus sein muß und wird. Diesen Deppen sei der sexuell offensichtlich schwer verwirrte Rocko Schamoni nahegelegt, der dieselbe bekloppte Haltung an den Tag legt wie sie:

„Ich fand Erfolg immer unsexy.“

laroux

Nebenbei III

„Es mag sein, bzw. ist es mit Sicherheit so, dass 99 % der Anwesenden die Urteile über die Geschlechter kennen und praktizieren. Bloß: Das ist diesem Verhalten nicht zu entnehmen.“ (Blogger Granit)

Wenn Nazischläger auf Ausländerjagd gehen, ist das klarerweise erst dann rassistisch, wenn dabei Flugblätter verteilt werden, die das lang und breit für totalverblödete Argumentnutten ausführen. Ansonsten ist das dem Verhalten natürlich nicht zu entnehmen. Wenn diese irren Feinde jeder Vernunft dann auch noch über Sex und Begriffe reden, kommt’s mir hoch.

Es gibt da eine grundsätzliche Widerlichkeit: Anstatt darüber nachzudenken, wie das Elend zurückgeschlagen und wie Lebensfreude zum gesellschaftlichen Prinzip erhoben werden könnte, denken sich die argumentierenden Kritiker immer neue Ekelhaftigkeiten aus, die sie scheinbar (und nur scheinbar!) von den ausbeutenden und zerstörenden Ungeheuern unterscheiden. Dabei verdoppeln und verewigen sie das vorhandene Elend, das sie ja nur kritisieren, aber in Wahrheit nicht abschaffen möchten, da das ihre Existenzgrundlage vernichten würde, und wollen sich dabei auch noch als Kommunisten verstanden wissen – so nennen würden sie sich nie, weil Ehrentitel und so… In einer vernünftiger eingerichteten Welt würde man ihnen kollektiv auf ihre dämliche Fresse hauen, vermute ich. Heutzutage muß man nicht nur besitzende Klasse und faschistoid bis faschistisches Kleinbürgertum (zu diesem gehören diejenigen, denen nichts einfällt außer aufdringlichem „Aufklären“, das völlige Verdunkelung bewirkt) aushalten, es will ja noch genossen und gelitten, geliebt und gehasst, gedacht und empfunden werden, was Lebendige unterscheidet von Zombies, die nur Gedanken und Gefühle simulieren, weil sie weder diese noch jene hervorbringen können. Das ist anstrengend, aber alle Mühe wert.

Vom Spenden und vom Schleimen

In den USA ist es gängig, sich sozial zu engagieren, was dort im Gegensatz zu hier nicht immer Kritik meint oder Völkerzoo-Feste und Israelfahnen verbrennen, sondern Kinder Schokoladenkekse verkaufen lassen, Obdachlosen was kochen, spenden. Kein Wunder also, wenn Warren Buffett und Bill Gates ein paar Ihresgleichen zusammentrommeln, damit alle zusammen ein paar fürs Überleben nicht dringend benötigte Milliarden locker zu machen. Sogar milliardenschwere Chinesen sollen bald mitmachen – daß es die überhaupt gibt, das reicht völlig als Argument für die Einordnung Chinas als kapitalistisch. Die „Superreichen“ kaufen sich also ein gutes Gewissen und einen noch besseren Ruf und investieren doch eigentlich bloß in ihre Geschäftsgrundlage (halbwegs gesunde Arbeitskräfte, die zählen und lesen können), die hoffentlich unterbezahlten Blockflöten vom Spiegel labern was von „Spendenrevolution“ und gut. Zu etwas so Unspektakulärem würde ich kein Wort verlieren, wäre mir darüber nicht ein Leserbrief an Junge Linke eingefallen, dessen Beantwortung das ganze Elend des linken Kritikertums offenlegte. Damals, es war 2006, hätte aber genauso gut gestern sein können oder 1972, schrieb ein Blödmann, der sich wenigstens als Kapitalist ausgab, beträchtlichen Unsinn. Den hätte man veröffentlichen können, um ein wenig spöttisches Lachen hervorzurufen, man hätte ihn auch ignorieren können. Nicht so die Junge Linke, die entschied sich lieber, sich selbst, so wie halt immer, wenn sie was mitteilen zu müssen glaubt, berechtigtem Spott preiszugeben, indem sie der besitzenden Klasse ihre Liebe gestand: „Wir wollen also nicht Kapitalisten bekämpfen, sondern das Kapital als Produktionsprinzip“, sagten sie und schnorrten ihre neue Liebschaft gleich noch an, die sie für immer und ewig „auf unserer Seite“ zu wissen wünschten. Nebenbei waren sie natürlich noch kapitalismuskritisch as fuck, das muß schon erlaubt sein in einer ordentlichen Beziehung. Arbeitskritisch präsentierten sie sich dem hofierten Arbeiteinkaufer auch noch, man muß das wohl als Koketterie auffassen. Dem Kommunisten zeigten sie dadurch etwas anderes, nämlich daß es sich bei ihnen um einen Haufen immens behämmerter Kleinbürger handelt, die Arbeit nicht als zutiefst menschliche Tätigkeit erfassen, die durch bestimmte polit-ökonomische Gegebenheiten derzeit in irrer Form stattfindet, sondern als ein abschaffenswertes Übel. Zurück in die Höhlen, zurück auf die Bäume, das könnte ihr Motto sein, wenn Kapitalisten nicht andere Aufenthaltsorte bevorzugen würden, so daß es schwierig wäre, ihnen von dort aus so tief ins Hinterteil zu kriechen, wie es sich für geziemt für Knallchargen, die allen Ernstes einem Bourgeois empfehlen, ein Bourgeois zu bleiben, und sich dabei kommunistisch vorkommen. Es gilt, auf das berechnende Klasseninteresse der der Wohltätigkeit sich verpflichtenden „Welt-Philantropen“ (FAZ) zu hoffen, damit sie keine Linke schmieren, die sich längst selbst geschmiert hat. Denn wer will schon vom links-jung’schen brainfuck noch mehr lesen müssen als jetzt schon?

Leere um Hacks

„Schuld ist niemand an irgendetwas; jeder ist sich selbst das Nichts. Lebt und schreibt man in einer Gesellschaft, die sich so sieht, gibt es eigentlich kaum etwas zu sagen.“ (Dietmar Dath)

“ Oh we‘re so pretty / Oh so pretty / We‘re vacant“ (Sex Pistols)

„Aber wie das Erhabene von Dämmerung und Nacht, wo sich die Gestalten vereinigen, gar leicht erzeugt wird, so wird es dagegen vom Tage verscheucht, der alles sondert und trennt, und so muss es auch durch jede wachsende Bildung vernichtet werden, wenn es nicht glücklich genug ist, sich zu dem Schönen zu flüchten und sich innig mit ihm zu vereinigen, wodurch denn beide gleich unsterblich und unverwüstlich sind.“ (Goethe)

Persönlichkeit ist zu erlangen. Dazu braucht es Wille und Anstrengung. Mit der Bildung der eigenen Persönlichkeit betätigt sich der wirkliche Mensch als vernünftiger freier. Sein Ziel ist Vollkommenheit. Dazu braucht es den Sozialismus und den Kommunismus. Hacks etwa, unbestreitbar ein Genie, war nicht vollkommen, sondern auf höherem Niveau unvollkommen als es ihm ohne DDR möglich gewesen wäre. Die recht häufig behandelte Frage, was er ohne sie gewesen wäre, ist die uninteressantere, weil nach hinten blickende. Die spannende geht so: Was wäre der große Hacks im Kommunismus geworden? Sie ist derzeit nicht beantwortbar.

Es stehen dafür andere, langweilige Fragen an, die mit Leichtigkeit geklärt werden können. Wer beispielsweise Persönlichkeit verneint, wird an Hacks keine Freude haben können, das darf als sicher gelten. Da Hacks tot ist und er am Gewinn, den der Verkauf seiner Werke liefert, nicht profitieren kann, ist das ziemlich egal. Nicht egal ist es jedoch, wenn die Unansprechbaren, die „Persönlichkeitspflege“ ablehnen, weil sie über nichts verfügen, das gepflegt werden könnte, sich daran machen, der Welt, also den anderen Bekloppten, Hacks zu erklären. Ihre Mittel sind beschränkt und heißen Kritik. Da sie nichts merken, wenn sie sich die Finger verbrennen, plappern sie unbeirrt und ungesittet weiter. Ein guter und geduldiger Dompteur – wir denken an dieser Stelle an Ulbricht und Stalin –, wäre hilfreich, ist im Moment aber leider nicht verfügbar. Notgedrungen beschränken wir uns auf Zwischenrufe.

„In seinen polemischen Verslein, die ein hohes Maß an Reimschmiedekunst bezeugen, geriert sich Hacks ein bisschen als ein Stefan George von links, freilich unter Verzicht auf eine devote Jüngerschar, die zur Anbetung des Meisters bereit wäre, denn einen ehrfürchtigen Dichterkreis wird Hacks für seinen ästhetischen wie politischen Extremismus nicht mehr finden können. Was er in seinen leichthändigen Heinrich-Heine-Liedern und Volksliedstrophen an politischen Überzeugungen ausbreitet, wird man nur als Resultat einer selbst gewählten Verblendung wahrnehmen können. Und dennoch ist sein provozierender sozialistischer Eskapismus nicht ohne Reiz.“

Der leichthändige Kunstschmied provoziert also polemisch mit linken Stefan-George-Liedern für reizvolle Eskapisten, die, zwar devot und extremistisch, aber nicht existent, sozialistische Verslein dichten. So sieht es aus, wenn geistige Fliegengewichte sich einen Bruch heben. Klassik, besonders die sozialistische, ist nunmal schwere Kost, auch wenn sie beflügelnd wirken kann, wo sie auf ein ihr angemessenes Publikum trifft. Michael Braun [„Nomen atque omen“; Plautus], der den zitierten Blödsinn bereits vor zehn Jahren vom Freitag drucken ließ, also davon ausgehen musste, den Klassiker zum Lesen seiner Idiotien zu nötigen, gehört nicht dazu; Wiglaf Droste, der bis heute über bzw. gegen Hacks‘ Bedeutung schwätzt, übrigens auch nicht.

DSS

Gedenkstätte der Sozialisten

Mit Ulbrichts Abschuß war wieder einmal
Ein freies Deutschland verloren.
Er endete nicht im Landwehrkanal.
Der lag in den Westsektoren.

Der Mörder war wieder die SPD.
Der Brandt war Ulbrichts Noske.
Breshnew will Frieden an der Spree,
Meldeten die Kioske.

Zieh mollig an dein kleines Kind,
Es bläst ein Sturm, ein kalter.
Der rote Winterspaziergang beginnt
Zu Karl und Rosa und Walter.

(Peter Hacks)

Nächtlicher Nachtrag:

Man kann sich aussuchen, wessen Tätigkeit man mit zugeneigter Aufmerksamkeit betrachtet. Dessen wohlwollendes Interesse an den eigenen Aktivitäten läßt sich nicht erzwingen. Das Prinzip des Tausches ist hier außer Kraft gesetzt. André Thieles Verlag im Allgemeinen sowie das Fachjournal ARGOS erfreuen mich in schöner Regelmäßigkeit. Ich nehme sogar in Kauf, für Ingo Ways Texte Geld zu zahlen. An meiner Gewogenheit kann also kein Zweifel bestehen. Daher ist es nicht gerade schmerzhaft, aber doch lästig, aufgrund eines Satzes in einem Sack gesehen zu werden, in dem ich mich nicht befinde. Es geht hier, ich geb’s offen zu, gewissermaßen um die romantische Ehre. Der Anstoß erregende Satz war anscheinend dieser, der sich in seinem ganzen Zusammenhang oben befindet:

„Die recht häufig behandelte Frage, was er ohne sie gewesen wäre, ist die uninteressantere, weil nach hinten blickende.“

Weiter hieß es:

„Die spannende geht so: Was wäre der große Hacks im Kommunismus geworden?“

Was nun dazu führte, mich als einen selbstgefälligen linken postpostmodernistischen Quatscher der an Peter Hacks interessierten Öffentlichkeit vorzustellen, kann ich nicht sagen, denn mir wurde es nicht mitgeteilt. An dem Mißgunst erregenden Satz halte ich fest, zu seiner Unterstützung schicke ich ihm nun ein paar andere zur Hilfe.

Nach hinten zu blicken sei niemandem untersagt, nicht zuletzt ich selbst würde unter solch einem Verbot leiden. Die Betrachtung der Vergangenheit ermöglicht das Lernen, insofern bin ich ihr recht herzlich dankbar; das Zukünftige bietet nichts außer der Sicherheit, daß es anders sein kann, wenn das Gegenwärtige schlecht ist, oder daß es so sein kann wie das Gegenwärtige ist, wenn dieses mal gut sein sollte. Und dennoch ist die Frage, was Peter Hacks ohne die DDR gewesen wäre, die weniger spannende, wenn man sie vergleicht mit der Frage, was ein Genie im Kommunismus wohl erreichen wird können. Mit Hacks setzt man sich auseinander, weil er im Sozialismus großartige Werke produziert hat. Ihn gedanklich nach hinten zu versetzen, also in eine rückschrittliche, kapitalistische BRD, nicht ihn meinetwegen im Mittelalter anzusiedeln, ist ein Gedankenspiel, das zu keinem erquicklichen Ergebnis führt: Hacks wäre ohne die in der DDR gewonnenen Erfahrungen jedenfalls nicht der Hacks geworden, den man heute schätzt – was auch immer man als die conditio sine qua non seines Heranwachsens zum Klassiker annimmt. Da scheint mir doch mehr Suspense zu versprechen, sich zu überlegen, was ein genialer Künstler zu schaffen imstande sein wird, wenn die von Menschen geschaffenen Verhältnisse bestmögliche Bedingungen für die Selbstentfaltung eines mit außerordentlichen Talenten gesegneten Menschen bieten. Der Blick nach vorne läßt Vorfreude entstehen. Mir sagt das zu. Aber bitte, das ist nur meine private, unerhebliche Ansicht. Ich dränge sie nun niemandem mehr auf, versprochen.

Nachtrag bei Tageslicht:

Nina Ruge hat recht. Alles wird gut.

Solcher und solcher Wahnsinn

„Die ideale Subjektivität trägt als lebendiges Subjekt die Bestimmung in sich, zu handeln, sich überhaupt zu bewegen und zu betätigen, insofern sie, was in ihr ist, auszuführen und zu vollbringen hat. Dazu bedarf sie einer umgebenden Welt als allgemeinen Bodens für ihre Realisationen.“ (G.W.F. Hegel)

Warum gelten die Vernünftigen und Empfindenden gemeinhin als wahnsinnig? Weil die, die sich ihrer Verstandes- und Gefühlsfähigkeiten dauerhaft entledigt haben, die Vernunft und die wirklich Emotion nicht begreifen können. So fährt man in unvernünftigen Zeiten (das sind die, in denen es vornehmlich um G-W-G‘ geht) anscheinend ganz gut, jedenfalls ist dieser so selbstgewählte wie -verschuldete Irrsinn zu häufig anzutreffen, um rein zufallsbedingt zu sein. Sobald eine Zeitenwende eintritt, die dem Irrsinn schmeichelnden Bedingungen also gewandelt werden in menschenfreundlichere, haben die Kommunisten das Pack erstmal weiterhin am Hals. Dann wird man denen, die man nicht ohnehin abknallt, ein paar Fleischbrocken hinwerfen müssen, um ihr geistloses Verhalten in dem Sozialismus zuträgliche Bahnen zu lenken und vor allem dort zu halten. Sie sind einfach derart in der Überzahl, daß man sich ihrer nicht sofort wird entledigen können. Daher wird man sie sich zu Nutze machen. Mit dem Verschwinden der genannten Bedingungen, die das massenhafte Auftreten der Zombies überhaupt erst ermöglichten, wird ihre Zahl abnehmen, stattdessen wird die Erde zur Abwechslung mal wieder von Menschen bevölkert werden. Wir sprechen hier von keiner Sache, die sich kurzerhand umsetzen ließe. Rom wurde nicht an einem Tag er-, und der Sozialismus nicht einmal innerhalb einer Woche aufgebaut. Der Begriff Zombie ist übrigens keiner, der sich auf jeden anwenden ließe, dem man auf der Straße begegnen kann, ohne dabei einen Kommunisten zu treffen, der einer ist, nicht bloß in seinem Selbstunverständnis. Lebendige Menschen gibt es viele, wenn auch zu wenige, um von lebendiger Gesellschaft reden zu können. Sie erfreuen sich an planvoller Gartenkultur, erkennen Arbeit nicht nur als von Not oder volksgemeinschaftlicher Raserei geschaffenem Zwang, sondern als schöpferische Tätigkeit, mit der sich manches zum Besseren ändern läßt. Sie kochen gerne und gut und pflegen Beziehungen zu anderen Lebendigen, die eben nicht auf Tausch oder Raub basieren. Für den Sozialismus sind sie leicht zu gewinnen, weil sie denken und fühlen, daher nicht alles als kritikabel einebnen, sondern Vorteilhaftes von Nachteiligem unterscheiden können. Auch des Leidens sind sie fähig, das zeichnet sie nicht zuletzt aus als Wesen und unterscheidet sie maßgeblich von realitätsfeindlichen Kreaturen. Die Kreaturen wiederum treten in die SPD ein und dann wieder aus, um etwa Theorie mit Praxis zu verwechseln und mit ihrer inneren Ödnis und Trostlosigkeit zu belästigen. Krank können solche nicht werden, da ist ja nichts, das erkranken kann. Denen gegenüber, die das können, wollen sie neidisch die Rolle eines Arztes einnehmen, nichts macht sie wütender als den Anblick gelebten Lebens ertragen zu müssen. Was wird der Sozialismus sie ärgern!

Venus von Milo

Venus und Stalin

Sie, ihre Füße badend, trägt kein Kleid,
Das zu durchnässen sie vermeiden müßte.
Sie zeigt dem All in Sommerheiterkeit
Den Hintern und die weltberühmten Brüste.

Er, nebst noch einer Schreibkraft, prüft, erwägt,
Am Saum des Quellbachs hingestreckt, Berichte.
Damit sie Zephir nicht von dannen trägt,
Benutzt er Kieselsteine als Gewichte.

Gelegentlich läßt er das Auge ruhn,
Das väterliche, auf den prallen Lenden
Der Göttin, die versunken in ihr Tun,
Ein Bein gewinkelt hebt mit beiden Händen.

Ein milder Glanz geht, eine stille Pracht
Unwiderstehlich aus von diesem Paar.
Die Liebe und die Sowjetmacht
Sind nur mitsammen darstellbar.

(Peter Hacks)

Stalin

Unmotiviert Zusammengeschustertes

Der Trotzkist Bold höhnte die Tage mit Unterstützung des hier ebenfalls schon erwähnten Mülltonnenbewohners tee, LW und mich meinend:

„Stalinisten auf die Gewalt des Wortes zurückgeworfen. Fast schon niedlich.“

Im Gegensatz zu den höchstens rudimentär alphabetisierten Antikommunisten verfügen wir tatsächlich über die Gewalt des Wortes, auch wenn die Feder/Tastatur nicht unbedingt mächtiger ist als das Schwert/Dauerfeuer der Stalinorgeln. Und demnächst kommt dieses sowieso zurück, noch schöner, besser, wahrer als beim letzten Mal, keine Sorge. Was es allerdings bedeutet, wenn Kommunisten nicht über die Staatsmacht verfügen, ist keineswegs niedlich, sondern brutal ohne Ende. Man kann das hier und dort nachlesen. Ist natürlich um Längen besser als der massenmörderische Stalinismus, schon klar, der war ja auch voll menschenverachtend und so.

Weiter in der kleinen Presseschau. Die aktuelle Astrowoche titelt: „Was wir jetzt tun müssen!“ Geil, jetzt ist der olle Lenin („Was tun?“) wirklich überflüssig und erledigt!

Mal was Positives zwischendrin: Nächsten Monat erscheint endlich [REC]² im Land der verkehrtes deutsch sprechenden Real-Zombies. Katholizismus und Menschenfresser bilden eines der Traumpaare des gepflegten Horrorkinos, ich bin daher mehr als gespannt auf die Fortsetzung von [REC], der mir bereits jetzt ein Klassiker des Genres zu sein scheint.

Zu schlechter Letzt: Der zuverlässig hirnverbrannte Stern entdeckt eine „Discounter-Revolution“, weil grad einer der Aldi-Brüder verreckt ist, von denen nun nur noch einer bei der tatsächlichen Revolution dran glauben wird müssen. Den könnte man dann eigentlich in einem verkehrt beschrifteten Karton verscharren.

rec

Fernsehen etc.

„Vermutlich macht das Fernsehen [die Menschen] nochmals zu dem, was sie ohnehin sind, nur noch mehr so, als sie es ohnehin sind.“ (Theodor W. Adorno, Dschungeltierarzt, weil Daktari-Fan)

Die Weltvernunft hält sich versteckt und schmollt. Das ist ihr gutes Recht, schließlich wurde sie aufs Gröbste beleidigt. Wir nennen Namen: Trotzki, der späte Brecht, Gorbatschow, Mario Barth, Horst Köhler, usw. Aufgrund ihrer Abwesenheit (wir sprechen noch von der Weltvernunft, nicht den Bekloppten) ist all das erlaubt, was verboten und bestraft1 gehört (Gorbatschow, Mario Barth, Horst Köhler, die Blogsport-Meute, usw.), gefrönt wird dem gesamtgesellschaftlichen Antikommunismus, was sich beispielsweise äußert in dem völlig angstfrei dahergeplapperten Satz einer Heimatvertriebenen: „Die Russen waren schlimm“. So sehen Nazis das eben und dürfen das auch sagen, ohne die widerliche Fresse zertrümmert zu kriegen. Eine Stunde später definiert ein Depp im Dritten Programm das deutsche als „reiselustiges Volk“ und ein anderer Depp, seines Zeichens Experte für irgendwas, sekundiert: „Auf Mallorca gibt es viele ausgewanderte deutsche Ärzte, da fühlt man sich wie daheim“. Deswegen reist der deutsche Kosmopolit: Um zuhause zu sein. Das macht immerhin den Blitzkrieg gegen Spanien vorerst überflüssig. In Afghanistan gibt es kaum ausgewanderte deutsche Ärzte, wahrscheinlich führt man daher Krieg bzw. veranstaltet Tontaubenschießen oder wie Krieg in der Diktion der Irren momentan halt genannt wird. Weitergeschaltet zu Phoenix, dem Dokumentationskanal der Öffentlich-Rechtlichen, der zuverlässig Führer-Filmchen zeigt, heute sogar welche, die Eva Braun höchstpersönlich gedreht hat – Eva Braun guckt sich Tiger, Elefanten und Paviane im Zoo an. Wir sehen Himmler und Heydrich, die haargenau so sich benehmen wie die Manager-Typen von heute, was alles, nur kein Zufall ist. Deutschland ist Tod- genauso wie Export-Weltmeister, was durchaus in eins fällt. Jetzt zeigt uns der Sender, der den Namen „Der Führer privat“ tragen dürfte, schöne Bilder von Brauns und Hitlers Hunden (einer heißt tatsächlich Stasi und ist ein Terrier, Blondi kennt bereits jeder, aber daß sie sich von der Braun als Kalb titulieren lassen musste, schockiert und eröffnet ganz neue Perspektiven auf den Faschismus) und der Kommentator philosophiert darüber, ob dem Hitler-Flittchen die Unvereinbarkeit von Hitlers Tierliebe und seinem Judenhaß nicht aufgefallen sei. Alles klar, Juden sind sowas ähnliches wie Dackel und Vernichtungslager die böse Variante des Tierheims, man hat’s ja geahnt. PETAs Holocaust auf deinem Teller hätte es mit dem Gröfaz jedenfalls nicht gegeben, soviel ist sicher, der war nämlich Vegetarier und somit Antifaschist. Derweil werden wir in Kenntnis gesetzt vom Ableben des Wildmosers, der sowas wie ein Hoeneß für Arme, also eben 1860 München, und nebenbei Mafiapate war, wenn unser Gedächtnis nicht trügt. 1860 München wiederum ist der Club, dem ein Hakenkreuz im Vereinswappen gut stünde, was Anton Löffelmeier zum entschuldigenden Buchtitel „Die „Löwen“ unterm Hakenkreuz“ inspirierte. Ja mei, unterm Hakenkreuz ist halt unterm Hakenkreuz. Da wir uns nicht für langweiligen Provinzfußball2 interessieren, haben wir das Buch nicht gelesen, aber es ist bestimmt sehr kritisch und informativ. Weitergeschaltet auf ntv erfahren wir, daß es in Duisburg nicht 19, sondern 21 Tote gab, die übrigens keine Raver waren, sondern „ganz normale Menschen“, die ganz normal SPD oder NPD gewählt haben und daher schuldlos zu Tode kamen. Schade, es hat also keine drogenverseuchten Sodomisten getroffen, die bei einem Rave bekanntlich eh nicht anzutreffen sind. Genug Irrsinn für heute, wir wenden uns wieder der dem Zeitgeist widersprechenden, jedoch ganz dem Weltgeist entsprechenden Lenin-Studienausgabe3 zu und weisen darauf hin, daß das Fernsehprogramm, bestehend aus Toten, Hitler und noch mehr Toten, gewürzt mit ordentlich Untoten und einer Prise Toten, dem Zweck, die Totalverblödung dieses Volkes zu überprüfen, mindestens angemessen ist.

ring

  1. Blogger rhizom weiß: „allein das Konzept des “Strafens” ist ja schon stinkreaktionär“. Der arme Alfred Rosenberg, der unglückselige Julius Streicher, der bedauernswerte Adolf Eichmann – rhizom hätte sie alle gerettet vor den stinkreaktionären Mördern! [zurück]
  2. Für erstklassigen Fußball dafür umso mehr! Der FC Barcelona ist der Club der Wahl. [zurück]
  3. Wir verfügen auch über die Werkausgabe, nicht daß Sie denken… [zurück]